Jbara Gimbri
Adil Ech Charfi Ney
Najib Talate Lotar
Amine Bliha Schlaginstrumente
Programm
Guembri
Boulila
La Danse du Sable
Amghar
Tanarjak
Janub Chark
Ak-Ilal
(Jbara)
Soubai (traditionell)
Baba Musa Jaa (traditionell / Gnawa)
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Baya, Ohne Titel (Musicienne) (1986)
© Baya Estate, mit freundlicher Genehmigung von Baya Estate und Mennour, Paris
Über Grenzen hinweg
Wer von der „afrikanisch-arabischen Welt“ spricht, meint damit kein durch politische Grenzen oder moderne Landkarten definiertes Gebiet. Vielmehr beschreibt dieser Ausdruck eine weitläufige Musik- und Kulturlandschaft, die über Jahrtausende hinweg gewachsen ist. Lange bevor Heere Wüsten durchquerten und Händler über die Meere segelten, hatten Klänge diese Reise bereits unternommen. Musik bedarf keiner Übersetzung und kennt keine Grenzen. Der musikalische Dialog zwischen Afrika und der arabischen Welt zählt daher zu den tiefgreifendsten und dauerhaftesten der Geschichte.
Essay von Naseer Shamma
Über Grenzen hinweg
Afrikanisch-arabischer Dialog bei den Arabic Music Days
Naseer Shamma
Wer von der „afrikanisch-arabischen Welt“ spricht, meint damit kein durch politische Grenzen oder moderne Landkarten definiertes Gebiet. Vielmehr beschreibt dieser Ausdruck eine weitläufige Musik- und Kulturlandschaft, die über Jahrtausende hinweg gewachsen ist. Lange bevor Heere Wüsten durchquerten und Händler über die Meere segelten, hatten Klänge diese Reise bereits unternommen. Bevor Länder begannen, Verträge miteinander zu schließen, hatten sich Rhythmen schon unter den verschiedenen Bevölkerungsgruppen verbreitet und dabei Erinnerungen, Bräuche, Feste und gemeinsame menschliche Erfahrungen weitergetragen. Musik ist das älteste Zeugnis menschlicher Verbundenheit. Sie bedarf keiner Übersetzung und kennt keine Grenzen. Der musikalische Dialog zwischen Afrika und der arabischen Welt zählt daher zu den tiefgreifendsten und dauerhaftesten der Geschichte. Dabei handelte es sich nie um einseitige Beeinflussung, sondern um einen kontinuierlichen Austausch, der eine gemeinsame musikalische Sprache hervorgebracht hat, die sich bis heute weiterentwickelt.
Auch deshalb hat diese afrikanisch-arabische Welt nie an „kulturelle Reinheit“ geglaubt. Jede große Stadt wurde zu einem Ort der Begegnung, jeder Hafen zu einem Konservatorium und jede Karawane zu einer mobilen Musikschule. Häufig lässt sich gar nicht mehr feststellen, wo genau eine bestimmte musikalische Idee entstand oder wo sie endete, denn es liegt im Wesen der Musik, sich nicht durch Grenzen aufhalten zu lassen. Die Mobilität des Menschen spielte bei diesem Austausch eine entscheidende Rolle. Pilgernde, Händler, Reisende, Sufi-Gemeinschaften, Gelehrte und Musiker:innen wurden zu kulturellen Botschaftern. Lieder breiteten sich oft schneller aus als Sprache, denn Melodien können auch dann im Gedächtnis bleiben, wenn ihre Texte von Region zu Region anders lauten.
Anders als eine politische Landkarte würde eine musikalische Karte ein riesiges Netz von Wegen sichtbar machen, das sich vom Roten Meer bis ins Niltal, quer durch die Sahara, die Sahelzone und Ostafrika bis hin zur Atlantikküste erstreckt. Über diese Wege verbreiteten sich nicht nur Instrumente, sondern auch Tonsysteme, rhythmische Konzepte, Gesangstraditionen und vollkommen unterschiedliche Arten des Zuhörens. Die arabische Maqam-Tradition entwickelte sich zu einem der komplexesten Tonsysteme der Welt, während viele afrikanische Regionen ihre jeweils eigene unverwechselbare musikalische Sprache pflegten, darunter die verschiedensten pentatonischen Tonleitern. Wo auch immer diese musikalischen Welten aufeinandertrafen, verdrängte keine die andere. Sie begannen stattdessen einen Dialog, aus dem neue Ausdrucksformen hervorgingen, deren Einflüsse bis heute im Sudan, in Äthiopien, Eritrea, Somalia, Ägypten, Marokko, Algerien, Tunesien, Mauretanien und in weiten Teilen des afrikanischen Kontinents zu hören sind.
Im Rhythmus zeigt sich dieser Dialog vielleicht noch deutlicher als in jedem anderen musikalischen Element. Die Musik vieler afrikanischer Traditionen basiert nicht auf einem einzigen, sondern auf mehreren sich überlagernden Rhythmen, die miteinander interagieren und auf diese Weise statt eines einfachen Pulses eine kontinuierliche Bewegung erzeugen. Das Zusammentreffen dieser rhythmischen Strukturen mit dem rhythmischen Vokabular der arabischen Musik erweiterte die Ausdrucksmöglichkeiten beider Traditionen, während die jeweilige Identität gewahrt blieb.
In einer Beschreibung dieser gemeinsamen musikalischen Welt dürfen auch die Musikinstrumente nicht fehlen. Die Oud, heute eines der Sinnbilder arabischer Musik schlechthin, blieb nicht auf ihre ursprüngliche kulturelle Umgebung beschränkt. Im Laufe der Geschichte trat sie mit zahlreichen afrikanischen Instrumenten in Dialog, während afrikanische Instrumentaltraditionen die Klangerzeugung, Artikulation, Ornamentik und Klangfarbe in der arabischen Aufführungspraxis beeinflussten. Genauso verbreiteten sich Trommeln, Rahmentrommeln, Saiten- und Blasinstrumente über Handelswege, durch Migration und kulturellen Austausch, bis sie Teil eines kollektiven musikalischen Gedächtnisses wurden. Den tiefgreifendsten Einfluss übten jedoch nicht die Instrumente selbst aus, sondern die Art und Weise, wie sie gespielt werden. Wenn sich Musiker:innen ein Instrument aus einer anderen Kultur zu eigen machen, übernehmen sie nicht einfach nur eine bestimmte Konstruktion aus Holz und Saiten, sondern eine ganze Philosophie des Klangs, der Stille, des Tempos, der Improvisation und der Beziehung zwischen Musizierenden und Publikum.
Die zentrale Rolle von Improvisation ist eine der auffälligsten Gemeinsamkeiten zwischen arabischer und afrikanischer Musiktradition. Improvisation bedeutet keine Abkehr von musikalischer Ordnung; sie ist vielmehr der höchste Ausdruck des Verständnisses dieser Ordnung. Durch sie können Musiker:innen im gegenwärtigen Augenblick Musik neu erschaffen und dabei gleichzeitig tief in der Tradition verwurzelt bleiben. Insofern wurde Improvisation zu einem der stärksten Bindeglieder zwischen den Musizierenden in dieser weitläufigen geografischen und kulturellen Landschaft. Eine ebenso wichtige Rolle spielt in vielen arabischen und afrikanischen Gesellschaften das gemeinsame Singen. Es ist mehr als eine künstlerische Darbietung, es ist ein sozialer Akt, der die Gemeinschaft stärkt und Musik zu einer gemeinsamen menschlichen Erfahrung macht statt zum Werk des Einzelnen. Das ist auch eine Erklärung dafür, dass Musik nach wie vor im Alltag eine große Rolle spielt: Sie begleitet die Arbeit, die Ernte, Feste, Gottesdienste, Geburten, Trauerfeiern und jedes andere einschneidende Ereignis im Leben von Menschen.
Blickt man auf die heutige musikalische Landschaft, so entstehen viele der innovativsten künstlerischen Projekte aus diesem gemeinsamen Erbe. Eine neue Generation von Komponistinnen und Musikern betrachtet Identität immer weniger als Grenze, sondern als Ausgangspunkt für Dialog. Genau darin liegt die Bedeutung afrikanisch-arabischer Verbindungen. Sie stehen nicht nur für eine Geschichte, die es zu feiern gilt, sondern auch für eine Zukunft, die darauf wartet, gestaltet zu werden. Unsere Verantwortung heute umfasst mehr als die Bewahrung der Tradition. Wir müssen sie weiter erforschen, dokumentieren, neu interpretieren und als lebendige menschliche Erfahrung an nachfolgende Generationen weitergeben. Jeder Maqam enthält eine Geschichte, jeder Rhythmus bewahrt eine Erinnerung, und jedes Instrument steht für Jahrhunderte des kulturellen Austauschs.
Ein Festival wie die diesjährigen Arabic Music Days, das Musiker:innen aus Afrika und der arabischen Welt zusammenbringt, bietet ein lebendiges Experimentierfeld für diesen Dialog. Ich wünsche mir, dass es nicht nur aus einer Reihe von Konzerten besteht, sondern den Künstler:innen die Möglichkeit eröffnet, ihr gemeinsames musikalisches Erbe wiederzuentdecken und einer Geschichte, die vor Jahrhunderten begann und bis heute andauert, neue Kapitel hinzuzufügen. Die afrikanisch-arabische Welt ist also mehr als ein geografischer Begriff. Sie ist eine sich ständig weiterentwickelnde Klangkultur, in der der arabische Maqam auf Pentatonik trifft, komplexe afrikanische Rhythmen mit arabischer musikalischer Phrasierung in Beziehung treten, Erinnerung und Innovation einander begegnen und die Tradition zu einer Quelle kreativer Erneuerung wird.
In einer Zeit, in der die Welt mehr denn je gespalten zu sein scheint, erinnert Musik immer noch aufs Eindrücklichste an das, was die Menschheit verbindet. Musik fragt nie nach dem Pass. Sie interessiert sich nicht für Grenzen. Sie geht vom Menschen aus und führt immer wieder zu ihm zurück. Das ist vielleicht der Grund dafür, warum wir, wann immer wir der Musik aus Afrika und der arabischen Welt wirklich zuhören, erkennen, dass es sich nicht um zwei benachbarte Kulturen handelt, sondern um eine fortlaufende menschheitliche Geschichte, die von vielen Stimmen erzählt wird und deren nächstes Kapitel erst noch zu schreiben ist.
Übersetzung aus dem Englischen: Sylvia Zirden
Naseer Shamma, geboren im irakischen Kut, zählt zu den profiliertesten Oud-Virtuosen und -Lehrern weltweit. Er schloss seine musikalische Ausbildung 1987 an der Musikakademie in Bagdad bei dem irakischen Großmeister Munir Bashir ab und promovierte später in Musikphilosophie. Von 1993 bis 1998 unterrichtete er an der Musikhochschule in Tunis. Im Anschluss gründete er in Kairo das Arab Oud House, eine Schule, die ganz seinem Instrument gewidmet ist und der seither weitere Standorte in Abu Dhabi, Riad, Bagdad und Mossul folgten. Er hat weltweit Konzerte mit Musiker:innen unterschiedlichster Herkunft gegeben und kombiniert in vielen seiner Projekte Traditionen und Instrumente der klassischen arabischen mit denen westlicher Musik. Er erhielt mehr als 70 irakische und internationale Ehrungen und Preise; für sein humanitäres Engagement wurde er 2012 mit dem Gusi Peace Prize ausgezeichnet und 2017 zum UNESCO Artist for Peace ernannt. Dem Pierre Boulez Saal ist er seit dessen Eröffnung als Kurator der Arabic Music Days eng verbunden.
Die Künstler

Jbara
Gimbri
Jbara gilt als Pionier der zeitgenössischen marokkanischen Musik. Er setzt sich für kulturelle Vielfalt ein und versteht Musik als „Emotion der Seele und Sprache des Volkes“. Als Sänger, Gimbri-Spieler und Gitarrist schreibt er Melodien, die von der reichen musikalischen Tradition Marokkos inspiriert sind und unterschiedliche Stilrichtungen wie Gnawa, Sahrawi, Andalusi, Raï und Chaabi verbinden. Indem er verschiedene Ausdruckswelten miteinander verschmilzt, entwickelt er traditionelle marokkanische Klänge weiter und bewahrt gleichzeitig ihre Authentizität. Seine Arbeit spiegelt eine enge Verbindung zu seinen Wurzeln und ist von einer sehr individuellen künstlerischen Vision bestimmt.
September 2026

Adil Ech Charfi
Ney
Der marokkanische Musiker, Komponist und Multiinstrumentalist Adil Ech Charfi tritt insbesondere als Ney-Virtuose und Violinist auf. Außerdem verfügt er über langjährige Erfahrung als Lehrer, Arrangeur und musikalischer Leiter und war als Solist mit vielen Orchestern und internationalen Künstler:innen zu hören. Als Absolvent des National Conservatory of Music in Rabat verbindet er in seiner Tätigkeit einen akademischen Hintergrund mit Auftrittspraxis und ist sowohl in der künstlerischen Ausbildung wie in zeitgenössischen musikalischen Fusion-Projekten aktiv.
September 2026

Najib Talate
Lotar
Der in Marokko geborene Najib Talate ist als Musiker, Komponist und Interpret auf verschiedenen Saiteninstrumenten in zahlreichen Konzerten und bei internationalen Festivals zu erleben. Er gastierte bei wichtigen Veranstaltungen wie dem Gnaoua World Music Festival in Essaouira und bei Mawazine in Rabat sowie in Belgien und Dänemark. Für seine stilistische Vielseitigkeit besonders geschätzt, hat er mit zahlreichen Orchestern zusammengearbeitet.
September 2026

Amine Bliha
Schlaginstrumente
Der Schlagzeuger und Multiinstrumentalist Amine Bliha stammt aus Marokko und beschäftigt sich vor allem mit lateinamerikanischen Schlaginstrumenten undtraditionellen marokkanischen Rhythmen. Er arbeitete mit führenden arabischen und internationalen Künstler:innen wie Lotfi Bouchnak, Saad Lamjarred und Samira Said zusammen. Neben seiner Tätigkeit als Interpret komponiert und produziert er Musik in seinem eigenen Studio, schreibt Arrangements und widmet sich verschiedenen Aufnahme- und Filmmusikprojekten.
September 2026