Mazen El Bagir Oud
Ali Dridi Klarinette
Jonas De Rave Klavier
Osama Meleegi Schlaginstrumente
Pieter Mortier Kontrabass
Programm
Beautiful Sudan (Mazen El Bagir)
Ahla Minnek (Hamad El Rayah)
The Blue Nile (Mazen El Bagir)
Nojoom Al-Lail (Abdel Gadir Salim)
Ahlam (Dreams) (Mazen El Bagir)
The Fountain of Joy (Mazen El Bagir)
Jari (Sayed Khalifa)
Whispers Above the Sky (Mazen El Bagir)
Ana Efreqi, Ana Sudani (Ibrahim Al Kashif)
Al Mambo Al Sudani (Sayed Khalifa)
Keine Pause

Baya, Ohne Titel (Nature morte) (1980)
© Baya Estate, mit freundlicher Genehmigung von Baya Estate und Mennour, Paris
Über Grenzen hinweg
Wer von der „afrikanisch-arabischen Welt“ spricht, meint damit kein durch politische Grenzen oder moderne Landkarten definiertes Gebiet. Vielmehr beschreibt dieser Ausdruck eine weitläufige Musik- und Kulturlandschaft, die über Jahrtausende hinweg gewachsen ist. Lange bevor Heere Wüsten durchquerten und Händler über die Meere segelten, hatten Klänge diese Reise bereits unternommen. Musik bedarf keiner Übersetzung und kennt keine Grenzen. Der musikalische Dialog zwischen Afrika und der arabischen Welt zählt daher zu den tiefgreifendsten und dauerhaftesten der Geschichte.
Essay von Naseer Shamma
Über Grenzen hinweg
Afrikanisch-arabischer Dialog bei den Arabic Music Days
Naseer Shamma
Wer von der „afrikanisch-arabischen Welt“ spricht, meint damit kein durch politische Grenzen oder moderne Landkarten definiertes Gebiet. Vielmehr beschreibt dieser Ausdruck eine weitläufige Musik- und Kulturlandschaft, die über Jahrtausende hinweg gewachsen ist. Lange bevor Heere Wüsten durchquerten und Händler über die Meere segelten, hatten Klänge diese Reise bereits unternommen. Bevor Länder begannen, Verträge miteinander zu schließen, hatten sich Rhythmen schon unter den verschiedenen Bevölkerungsgruppen verbreitet und dabei Erinnerungen, Bräuche, Feste und gemeinsame menschliche Erfahrungen weitergetragen. Musik ist das älteste Zeugnis menschlicher Verbundenheit. Sie bedarf keiner Übersetzung und kennt keine Grenzen. Der musikalische Dialog zwischen Afrika und der arabischen Welt zählt daher zu den tiefgreifendsten und dauerhaftesten der Geschichte. Dabei handelte es sich nie um einseitige Beeinflussung, sondern um einen kontinuierlichen Austausch, der eine gemeinsame musikalische Sprache hervorgebracht hat, die sich bis heute weiterentwickelt.
Auch deshalb hat diese afrikanisch-arabische Welt nie an „kulturelle Reinheit“ geglaubt. Jede große Stadt wurde zu einem Ort der Begegnung, jeder Hafen zu einem Konservatorium und jede Karawane zu einer mobilen Musikschule. Häufig lässt sich gar nicht mehr feststellen, wo genau eine bestimmte musikalische Idee entstand oder wo sie endete, denn es liegt im Wesen der Musik, sich nicht durch Grenzen aufhalten zu lassen. Die Mobilität des Menschen spielte bei diesem Austausch eine entscheidende Rolle. Pilgernde, Händler, Reisende, Sufi-Gemeinschaften, Gelehrte und Musiker:innen wurden zu kulturellen Botschaftern. Lieder breiteten sich oft schneller aus als Sprache, denn Melodien können auch dann im Gedächtnis bleiben, wenn ihre Texte von Region zu Region anders lauten.
Anders als eine politische Landkarte würde eine musikalische Karte ein riesiges Netz von Wegen sichtbar machen, das sich vom Roten Meer bis ins Niltal, quer durch die Sahara, die Sahelzone und Ostafrika bis hin zur Atlantikküste erstreckt. Über diese Wege verbreiteten sich nicht nur Instrumente, sondern auch Tonsysteme, rhythmische Konzepte, Gesangstraditionen und vollkommen unterschiedliche Arten des Zuhörens. Die arabische Maqam-Tradition entwickelte sich zu einem der komplexesten Tonsysteme der Welt, während viele afrikanische Regionen ihre jeweils eigene unverwechselbare musikalische Sprache pflegten, darunter die verschiedensten pentatonischen Tonleitern. Wo auch immer diese musikalischen Welten aufeinandertrafen, verdrängte keine die andere. Sie begannen stattdessen einen Dialog, aus dem neue Ausdrucksformen hervorgingen, deren Einflüsse bis heute im Sudan, in Äthiopien, Eritrea, Somalia, Ägypten, Marokko, Algerien, Tunesien, Mauretanien und in weiten Teilen des afrikanischen Kontinents zu hören sind.
Im Rhythmus zeigt sich dieser Dialog vielleicht noch deutlicher als in jedem anderen musikalischen Element. Die Musik vieler afrikanischer Traditionen basiert nicht auf einem einzigen, sondern auf mehreren sich überlagernden Rhythmen, die miteinander interagieren und auf diese Weise statt eines einfachen Pulses eine kontinuierliche Bewegung erzeugen. Das Zusammentreffen dieser rhythmischen Strukturen mit dem rhythmischen Vokabular der arabischen Musik erweiterte die Ausdrucksmöglichkeiten beider Traditionen, während die jeweilige Identität gewahrt blieb.
In einer Beschreibung dieser gemeinsamen musikalischen Welt dürfen auch die Musikinstrumente nicht fehlen. Die Oud, heute eines der Sinnbilder arabischer Musik schlechthin, blieb nicht auf ihre ursprüngliche kulturelle Umgebung beschränkt. Im Laufe der Geschichte trat sie mit zahlreichen afrikanischen Instrumenten in Dialog, während afrikanische Instrumentaltraditionen die Klangerzeugung, Artikulation, Ornamentik und Klangfarbe in der arabischen Aufführungspraxis beeinflussten. Genauso verbreiteten sich Trommeln, Rahmentrommeln, Saiten- und Blasinstrumente über Handelswege, durch Migration und kulturellen Austausch, bis sie Teil eines kollektiven musikalischen Gedächtnisses wurden. Den tiefgreifendsten Einfluss übten jedoch nicht die Instrumente selbst aus, sondern die Art und Weise, wie sie gespielt werden. Wenn sich Musiker:innen ein Instrument aus einer anderen Kultur zu eigen machen, übernehmen sie nicht einfach nur eine bestimmte Konstruktion aus Holz und Saiten, sondern eine ganze Philosophie des Klangs, der Stille, des Tempos, der Improvisation und der Beziehung zwischen Musizierenden und Publikum.
Die zentrale Rolle von Improvisation ist eine der auffälligsten Gemeinsamkeiten zwischen arabischer und afrikanischer Musiktradition. Improvisation bedeutet keine Abkehr von musikalischer Ordnung; sie ist vielmehr der höchste Ausdruck des Verständnisses dieser Ordnung. Durch sie können Musiker:innen im gegenwärtigen Augenblick Musik neu erschaffen und dabei gleichzeitig tief in der Tradition verwurzelt bleiben. Insofern wurde Improvisation zu einem der stärksten Bindeglieder zwischen den Musizierenden in dieser weitläufigen geografischen und kulturellen Landschaft. Eine ebenso wichtige Rolle spielt in vielen arabischen und afrikanischen Gesellschaften das gemeinsame Singen. Es ist mehr als eine künstlerische Darbietung, es ist ein sozialer Akt, der die Gemeinschaft stärkt und Musik zu einer gemeinsamen menschlichen Erfahrung macht statt zum Werk des Einzelnen. Das ist auch eine Erklärung dafür, dass Musik nach wie vor im Alltag eine große Rolle spielt: Sie begleitet die Arbeit, die Ernte, Feste, Gottesdienste, Geburten, Trauerfeiern und jedes andere einschneidende Ereignis im Leben von Menschen.
Blickt man auf die heutige musikalische Landschaft, so entstehen viele der innovativsten künstlerischen Projekte aus diesem gemeinsamen Erbe. Eine neue Generation von Komponistinnen und Musikern betrachtet Identität immer weniger als Grenze, sondern als Ausgangspunkt für Dialog. Genau darin liegt die Bedeutung afrikanisch-arabischer Verbindungen. Sie stehen nicht nur für eine Geschichte, die es zu feiern gilt, sondern auch für eine Zukunft, die darauf wartet, gestaltet zu werden. Unsere Verantwortung heute umfasst mehr als die Bewahrung der Tradition. Wir müssen sie weiter erforschen, dokumentieren, neu interpretieren und als lebendige menschliche Erfahrung an nachfolgende Generationen weitergeben. Jeder Maqam enthält eine Geschichte, jeder Rhythmus bewahrt eine Erinnerung, und jedes Instrument steht für Jahrhunderte des kulturellen Austauschs.
Ein Festival wie die diesjährigen Arabic Music Days, das Musiker:innen aus Afrika und der arabischen Welt zusammenbringt, bietet ein lebendiges Experimentierfeld für diesen Dialog. Ich wünsche mir, dass es nicht nur aus einer Reihe von Konzerten besteht, sondern den Künstler:innen die Möglichkeit eröffnet, ihr gemeinsames musikalisches Erbe wiederzuentdecken und einer Geschichte, die vor Jahrhunderten begann und bis heute andauert, neue Kapitel hinzuzufügen. Die afrikanisch-arabische Welt ist also mehr als ein geografischer Begriff. Sie ist eine sich ständig weiterentwickelnde Klangkultur, in der der arabische Maqam auf Pentatonik trifft, komplexe afrikanische Rhythmen mit arabischer musikalischer Phrasierung in Beziehung treten, Erinnerung und Innovation einander begegnen und die Tradition zu einer Quelle kreativer Erneuerung wird.
In einer Zeit, in der die Welt mehr denn je gespalten zu sein scheint, erinnert Musik immer noch aufs Eindrücklichste an das, was die Menschheit verbindet. Musik fragt nie nach dem Pass. Sie interessiert sich nicht für Grenzen. Sie geht vom Menschen aus und führt immer wieder zu ihm zurück. Das ist vielleicht der Grund dafür, warum wir, wann immer wir der Musik aus Afrika und der arabischen Welt wirklich zuhören, erkennen, dass es sich nicht um zwei benachbarte Kulturen handelt, sondern um eine fortlaufende menschheitliche Geschichte, die von vielen Stimmen erzählt wird und deren nächstes Kapitel erst noch zu schreiben ist.
Übersetzung aus dem Englischen: Sylvia Zirden
Naseer Shamma, geboren im irakischen Kut, zählt zu den profiliertesten Oud-Virtuosen und -Lehrern weltweit. Er schloss seine musikalische Ausbildung 1987 an der Musikakademie in Bagdad bei dem irakischen Großmeister Munir Bashir ab und promovierte später in Musikphilosophie. Von 1993 bis 1998 unterrichtete er an der Musikhochschule in Tunis. Im Anschluss gründete er in Kairo das Arab Oud House, eine Schule, die ganz seinem Instrument gewidmet ist und der seither weitere Standorte in Abu Dhabi, Riad, Bagdad und Mossul folgten. Er hat weltweit Konzerte mit Musiker:innen unterschiedlichster Herkunft gegeben und kombiniert in vielen seiner Projekte Traditionen und Instrumente der klassischen arabischen mit denen westlicher Musik. Er erhielt mehr als 70 irakische und internationale Ehrungen und Preise; für sein humanitäres Engagement wurde er 2012 mit dem Gusi Peace Prize ausgezeichnet und 2017 zum UNESCO Artist for Peace ernannt. Dem Pierre Boulez Saal ist er seit dessen Eröffnung als Kurator der Arabic Music Days eng verbunden.
Die Künstler

Mazen El Bagir
Oud
Mazen El Bagir ist ein sudanesischer Oud-Spieler, Komponist und künstlerischer Leiter, dessen Arbeit an der Schnittstelle zwischen arabischen und afrikanischen Traditionen angesiedelt ist. Inspiriert von den pentatonischen Wurzeln sudanesischer Musik interpretiert er traditionelle musikalische Formen aus zeitgenössischer Perspektive und verbindet dabei afrikanische Rhythmik mit dem Ausdrucksspektrum arabischer Musik. In seinen Kompositionen und Auftritten stehen sich Tradition und Innovation, Kontemplation und Dynamik gegenüber. Seine Musik schafft einen lebendigen Dialog zwischen verschiedenen Kulturen und Musiktraditionen und sucht gleichzeitig nach neuen künstlerischen Formen. Er war an einer Vielzahl von Projekten beteiligt, die sich kreativem Denken und interkulturellem Austausch widmen. Grundlage seines Schaffens ist die Überzeugung, dass Musik eine universelle Sprache ist, die Brücken zwischen unterschiedlichen Gemeinschaften bauen, gegenseitiges Verständnis fördern und den Reichtum kultureller Identitäten zum Ausdruck bringen kann.
September 2026

Ali Dridi
Klarinette
Der tunesische Dirigent, Multiinstrumentalist und Musikpädagoge Ali Dridi leitet derzeit das Orchester des Arab Oud House in Abu Dhabi und dirigiert das Ensemble in dieser Eigenschaft regelmäßig bei nationalen und kulturellen Veranstaltungen in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Er ist Professor für Musik und Musikwissenschaft am Higher Institute of Music in Tunis und als Geiger und Klarinettist u.a. mit dem Tunisian Symphony Orchestra sowie bedeutenden Künstler:innen wie Naseer Shamma aufgetreten. Seine Arbeit ist inspiriert von tunesischer Musik und ihren andalusischen Wurzeln, bezieht aber gleichzeitig das gesamte Spektrum der arabischen Musiktradition ein, darunter insbesondere jemenitische, ägyptische, levantinische sowie Magreb- und Chalidschi-Stilrichtungen sowie türkische und internationale Einflüsse. Er ist in Frankreich, Deutschland und Italien aufgetreten und verbindet in vielen seiner Konzerte Elemente westlicher klassischer Musik mit der Kultur des Nahen Ostens.
September 2026

Jonas De Rave
Klavier
Jonas De Rave spielt Akkordeon, Klavier und chromatische Schlegelzither. Seit zwei Jahrzehnten ist er in Belgien und international als Pädagoge, Musiker und Komponist aktiv und widmet sich dabei einer Vielzahl unterschiedlicher Stile wie Jazz, Latin und Folk. Außerdem beschäftigte er sich schon als Jugendlicher mit bildender Kunst, Theater und Puppentheater und arbeitet heute regelmäßig mit Schauspielern, Puppenspielerinnen und Tänzer:innen zusammen. Als Lehrer ist er insbesondere in Projekte involviert, die künstlerische Inhalte mit einem sozialem Ansatz verbinden.
September 2026

Osama Meleegi
Schlaginstrumente
Der aus dem Sudan stammende Osama Meleegi studierte am College of Music and Drama in Khartum und ist Mitglied der Sudanese Musicians’ Union. Er war Mitbegründer der bekannten Aqd Al-Jalad Band und zählte außerdem zu den ersten Mitgliedern von Al-Samandal. Heute lebt er in den Niederlanden, wo er als professioneller Musiker aktiv ist und seine eigene Firma betreibt. Er hat ein Album veröffentlicht, auf dem er sudanesische Musik mit Afrobeat verbindet, und ist mit einer Reihe prominenter niederländischer und internationaler Bands aufgetreten, darunter Nederlands Blazers Ensemble, No Blues, Haytham Safi und Kaert4.
September 2026

Pieter Mortier
Kontrabass
Pieter Mortier lebt als Kontrabassist, Sänger und Bandleader in Gent. Als Liebhaber von Musik- und Tanzstilen alter Schule beschäftigt er sich seit langem mit traditionellen Stilen und ihrer Herkunft, von Lindy Hop Swing bis Jazz Manouche und von New Orleans Blues bis zu französischem Chanson. Mit seiner Band Easy Pete & the Early Pearls trat er auf nationalen und internationalen Bühnen auf und spielte dabei sowohl im Rahmen von Tanzveranstaltungen als auch im Konzert. Als Sideman war er darüber hinaus gemeinsam mit vielen anderen Künstler:innen und Projekten wie Jake Walker, den Missy Sippy All Stars und Tom Eylenbosch & His Brittle Bones zu erleben.
September 2026