Ahmad Shamma Oud
Oussa Sogoba Balafon, Gesang und Schlaginstrumente
Moussa Traore Kora
Kingsley Chinedu Klavier und Schlaginstrumente
Malai Maluak Deng Rau Adungu, Tanbur, Gesang
Shibly Schlagzeug
Khalda Ibrahim Ausstattung (Bühne und Kostüm)

Maqam Lami (Irak)
Tansania (traditionell)
Mali (traditionell)
Sudanese Heritage (traditionell)
Mukashfi Al Qawm (traditionell)

Inkovo (Inner Strength) (Ahmad Shamma)
Melodie aus dem westlichen Sudan (traditionell)
Salam (Peace) (Ahmad Shamma)

Africa from North to South
Malaika (Fadhili William/Adam Salim?)
Abdel Kader (traditionell)
Yèkè yèkè (Mory Kanté)


Pause


Dance of Friends (Ahmad Shamma)

Mon Amour
Spain (Chick Corea)
We in Sudan (traditionell)

You Are Not Alone (Ahmad Shamma)
The Blue Nile (traditionell)
Hlangana (The Family Gathering) (Ahmad Shamma)


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Baya, Ohne Titel (Deux femmes à la harpe) (1997)
© Baya Estate, mit freundlicher Genehmigung von Baya Estate und Mennour, Paris

Wer von der „afrikanisch-arabischen Welt“ spricht, meint damit kein durch politische Grenzen oder moderne Landkarten definiertes Gebiet. Vielmehr beschreibt dieser Ausdruck eine weitläufige Musik- und Kulturlandschaft, die über Jahrtausende hinweg gewachsen ist. Lange bevor Heere Wüsten durchquerten und Händler über die Meere segelten, hatten Klänge diese Reise bereits unternommen. Musik bedarf keiner Übersetzung und kennt keine Grenzen. Der musikalische Dialog zwischen Afrika und der arabischen Welt zählt daher zu den tiefgreifendsten und dauerhaftesten der Geschichte. 

Essay von Naseer Shamma

Über Grenzen hinweg
Afrikanisch-arabischer Dialog bei den Arabic Music Days

Naseer Shamma


Wer von der „afrikanisch-arabischen Welt“ spricht, meint damit kein durch politische Grenzen oder moderne Landkarten definiertes Gebiet. Vielmehr beschreibt dieser Ausdruck eine weitläufige Musik- und Kulturlandschaft, die über Jahrtausende hinweg gewachsen ist. Lange bevor Heere Wüsten durchquerten und Händler über die Meere segelten, hatten Klänge diese Reise bereits unternommen. Bevor Länder begannen, Verträge miteinander zu schließen, hatten sich Rhythmen schon unter den verschiedenen Bevölkerungsgruppen verbreitet und dabei Erinnerungen, Bräuche, Feste und gemeinsame menschliche Erfahrungen weitergetragen. Musik ist das älteste Zeugnis menschlicher Verbundenheit. Sie bedarf keiner Übersetzung und kennt keine Grenzen. Der musikalische Dialog zwischen Afrika und der arabischen Welt zählt daher zu den tiefgreifendsten und dauerhaftesten der Geschichte. Dabei handelte es sich nie um einseitige Beeinflussung, sondern um einen kontinuierlichen Austausch, der eine gemeinsame musikalische Sprache hervorgebracht hat, die sich bis heute weiterentwickelt.

Auch deshalb hat diese afrikanisch-arabische Welt nie an „kulturelle Reinheit“ geglaubt. Jede große Stadt wurde zu einem Ort der Begegnung, jeder Hafen zu einem Konservatorium und jede Karawane zu einer mobilen Musikschule. Häufig lässt sich gar nicht mehr feststellen, wo genau eine bestimmte musikalische Idee entstand oder wo sie endete, denn es liegt im Wesen der Musik, sich nicht durch Grenzen aufhalten zu lassen. Die Mobilität des Menschen spielte bei diesem Austausch eine entscheidende Rolle. Pilgernde, Händler, Reisende, Sufi-Gemeinschaften, Gelehrte und Musiker:innen wurden zu kulturellen Botschaftern. Lieder breiteten sich oft schneller aus als Sprache, denn Melodien können auch dann im Gedächtnis bleiben, wenn ihre Texte von Region zu Region anders lauten.

Anders als eine politische Landkarte würde eine musikalische Karte ein riesiges Netz von Wegen sichtbar machen, das sich vom Roten Meer bis ins Niltal, quer durch die Sahara, die Sahelzone und Ostafrika bis hin zur Atlantikküste erstreckt. Über diese Wege verbreiteten sich nicht nur Instrumente, sondern auch Tonsysteme, rhythmische Konzepte, Gesangstraditionen und vollkommen unterschiedliche Arten des Zuhörens. Die arabische Maqam-Tradition entwickelte sich zu einem der komplexesten Tonsysteme der Welt, während viele afrikanische Regionen ihre jeweils eigene unverwechselbare musikalische Sprache pflegten, darunter die verschiedensten pentatonischen Tonleitern. Wo auch immer diese musikalischen Welten aufeinandertrafen, verdrängte keine die andere. Sie begannen stattdessen einen Dialog, aus dem neue Ausdrucksformen hervorgingen, deren Einflüsse bis heute im Sudan, in Äthiopien, Eritrea, Somalia, Ägypten, Marokko, Algerien, Tunesien, Mauretanien und in weiten Teilen des afrikanischen Kontinents zu hören sind.

Im Rhythmus zeigt sich dieser Dialog vielleicht noch deutlicher als in jedem anderen musikalischen Element. Die Musik vieler afrikanischer Traditionen basiert nicht auf einem einzigen, sondern auf mehreren sich überlagernden Rhythmen, die miteinander interagieren und auf diese Weise statt eines einfachen Pulses eine kontinuierliche Bewegung erzeugen. Das Zusammentreffen dieser rhythmischen Strukturen mit dem rhythmischen Vokabular der arabischen Musik erweiterte die Ausdrucksmöglichkeiten beider Traditionen, während die jeweilige Identität gewahrt blieb.

In einer Beschreibung dieser gemeinsamen musikalischen Welt dürfen auch die Musikinstrumente nicht fehlen. Die Oud, heute eines der Sinnbilder arabischer Musik schlechthin, blieb nicht auf ihre ursprüngliche kulturelle Umgebung beschränkt. Im Laufe der Geschichte trat sie mit zahlreichen afrikanischen Instrumenten in Dialog, während afrikanische Instrumentaltraditionen die Klangerzeugung, Artikulation, Ornamentik und Klangfarbe in der arabischen Aufführungspraxis beeinflussten. Genauso verbreiteten sich Trommeln, Rahmentrommeln, Saiten- und Blasinstrumente über Handelswege, durch Migration und kulturellen Austausch, bis sie Teil eines kollektiven musikalischen Gedächtnisses wurden. Den tiefgreifendsten Einfluss übten jedoch nicht die Instrumente selbst aus, sondern die Art und Weise, wie sie gespielt werden. Wenn sich Musiker:innen ein Instrument aus einer anderen Kultur zu eigen machen, übernehmen sie nicht einfach nur eine bestimmte Konstruktion aus Holz und Saiten, sondern eine ganze Philosophie des Klangs, der Stille, des Tempos, der Improvisation und der Beziehung zwischen Musizierenden und Publikum.

Die zentrale Rolle von Improvisation ist eine der auffälligsten Gemeinsamkeiten zwischen arabischer und afrikanischer Musiktradition. Improvisation bedeutet keine Abkehr von musikalischer Ordnung; sie ist vielmehr der höchste Ausdruck des Verständnisses dieser Ordnung. Durch sie können Musiker:innen im gegenwärtigen Augenblick Musik neu erschaffen und dabei gleichzeitig tief in der Tradition verwurzelt bleiben. Insofern wurde Improvisation zu einem der stärksten Bindeglieder zwischen den Musizierenden in dieser weitläufigen geografischen und kulturellen Landschaft. Eine ebenso wichtige Rolle spielt in vielen arabischen und afrikanischen Gesellschaften das gemeinsame Singen. Es ist mehr als eine künstlerische Darbietung, es ist ein sozialer Akt, der die Gemeinschaft stärkt und Musik zu einer gemeinsamen menschlichen Erfahrung macht statt zum Werk des Einzelnen. Das ist auch eine Erklärung dafür, dass Musik nach wie vor im Alltag eine große Rolle spielt: Sie begleitet die Arbeit, die Ernte, Feste, Gottesdienste, Geburten, Trauerfeiern und jedes andere einschneidende Ereignis im Leben von Menschen.

Blickt man auf die heutige musikalische Landschaft, so entstehen viele der innovativsten künstlerischen Projekte aus diesem gemeinsamen Erbe. Eine neue Generation von Komponistinnen und Musikern betrachtet Identität immer weniger als Grenze, sondern als Ausgangspunkt für Dialog. Genau darin liegt die Bedeutung afrikanisch-arabischer Verbindungen. Sie stehen nicht nur für eine Geschichte, die es zu feiern gilt, sondern auch für eine Zukunft, die darauf wartet, gestaltet zu werden. Unsere Verantwortung heute umfasst mehr als die Bewahrung der Tradition. Wir müssen sie weiter erforschen, dokumentieren, neu interpretieren und als lebendige menschliche Erfahrung an nachfolgende Generationen weitergeben. Jeder Maqam enthält eine Geschichte, jeder Rhythmus bewahrt eine Erinnerung, und jedes Instrument steht für Jahrhunderte des kulturellen Austauschs.

Ein Festival wie die diesjährigen Arabic Music Days, das Musiker:innen aus Afrika und der arabischen Welt zusammenbringt, bietet ein lebendiges Experimentierfeld für diesen Dialog. Ich wünsche mir, dass es nicht nur aus einer Reihe von Konzerten besteht, sondern den Künstler:innen die Möglichkeit eröffnet, ihr gemeinsames musikalisches Erbe wiederzuentdecken und einer Geschichte, die vor Jahrhunderten begann und bis heute andauert, neue Kapitel hinzuzufügen. Die afrikanisch-arabische Welt ist also mehr als ein geografischer Begriff. Sie ist eine sich ständig weiterentwickelnde Klangkultur, in der der arabische Maqam auf Pentatonik trifft, komplexe afrikanische Rhythmen mit arabischer musikalischer Phrasierung in Beziehung treten, Erinnerung und Innovation einander begegnen und die Tradition zu einer Quelle kreativer Erneuerung wird.

In einer Zeit, in der die Welt mehr denn je gespalten zu sein scheint, erinnert Musik immer noch aufs Eindrücklichste an das, was die Menschheit verbindet. Musik fragt nie nach dem Pass. Sie interessiert sich nicht für Grenzen. Sie geht vom Menschen aus und führt immer wieder zu ihm zurück. Das ist vielleicht der Grund dafür, warum wir, wann immer wir der Musik aus Afrika und der arabischen Welt wirklich zuhören, erkennen, dass es sich nicht um zwei benachbarte Kulturen handelt, sondern um eine fortlaufende menschheitliche Geschichte, die von vielen Stimmen erzählt wird und deren nächstes Kapitel erst noch zu schreiben ist.

Übersetzung aus dem Englischen: Sylvia Zirden  

 

Naseer Shamma, geboren im irakischen Kut, zählt zu den profiliertesten Oud-Virtuosen und -Lehrern weltweit. Er schloss seine musikalische Ausbildung 1987 an der Musikakademie in Bagdad bei dem irakischen Großmeister Munir Bashir ab und promovierte später in Musikphilosophie. Von 1993 bis 1998 unterrichtete er an der Musikhochschule in Tunis. Im Anschluss gründete er in Kairo das Arab Oud House, eine Schule, die ganz seinem Instrument gewidmet ist und der seither weitere Standorte in Abu Dhabi, Riad, Bagdad und Mossul folgten. Er hat weltweit Konzerte mit Musiker:innen unterschiedlichster Herkunft gegeben und kombiniert in vielen seiner Projekte Traditionen und Instrumente der klassischen arabischen mit denen westlicher Musik. Er erhielt mehr als 70 irakische und internationale Ehrungen und Preise; für sein humanitäres Engagement wurde er 2012 mit dem Gusi Peace Prize ausgezeichnet und 2017 zum UNESCO Artist for Peace ernannt. Dem Pierre Boulez Saal ist er seit dessen Eröffnung als Kurator der Arabic Music Days eng verbunden. 

Über Grenzen hinweg
Afrikanisch-arabischer Dialog bei den Arabic Music Days

Naseer Shamma


Wer von der „afrikanisch-arabischen Welt“ spricht, meint damit kein durch politische Grenzen oder moderne Landkarten definiertes Gebiet. Vielmehr beschreibt dieser Ausdruck eine weitläufige Musik- und Kulturlandschaft, die über Jahrtausende hinweg gewachsen ist. Lange bevor Heere Wüsten durchquerten und Händler über die Meere segelten, hatten Klänge diese Reise bereits unternommen. Bevor Länder begannen, Verträge miteinander zu schließen, hatten sich Rhythmen schon unter den verschiedenen Bevölkerungsgruppen verbreitet und dabei Erinnerungen, Bräuche, Feste und gemeinsame menschliche Erfahrungen weitergetragen. Musik ist das älteste Zeugnis menschlicher Verbundenheit. Sie bedarf keiner Übersetzung und kennt keine Grenzen. Der musikalische Dialog zwischen Afrika und der arabischen Welt zählt daher zu den tiefgreifendsten und dauerhaftesten der Geschichte. Dabei handelte es sich nie um einseitige Beeinflussung, sondern um einen kontinuierlichen Austausch, der eine gemeinsame musikalische Sprache hervorgebracht hat, die sich bis heute weiterentwickelt.

Auch deshalb hat diese afrikanisch-arabische Welt nie an „kulturelle Reinheit“ geglaubt. Jede große Stadt wurde zu einem Ort der Begegnung, jeder Hafen zu einem Konservatorium und jede Karawane zu einer mobilen Musikschule. Häufig lässt sich gar nicht mehr feststellen, wo genau eine bestimmte musikalische Idee entstand oder wo sie endete, denn es liegt im Wesen der Musik, sich nicht durch Grenzen aufhalten zu lassen. Die Mobilität des Menschen spielte bei diesem Austausch eine entscheidende Rolle. Pilgernde, Händler, Reisende, Sufi-Gemeinschaften, Gelehrte und Musiker:innen wurden zu kulturellen Botschaftern. Lieder breiteten sich oft schneller aus als Sprache, denn Melodien können auch dann im Gedächtnis bleiben, wenn ihre Texte von Region zu Region anders lauten.

Anders als eine politische Landkarte würde eine musikalische Karte ein riesiges Netz von Wegen sichtbar machen, das sich vom Roten Meer bis ins Niltal, quer durch die Sahara, die Sahelzone und Ostafrika bis hin zur Atlantikküste erstreckt. Über diese Wege verbreiteten sich nicht nur Instrumente, sondern auch Tonsysteme, rhythmische Konzepte, Gesangstraditionen und vollkommen unterschiedliche Arten des Zuhörens. Die arabische Maqam-Tradition entwickelte sich zu einem der komplexesten Tonsysteme der Welt, während viele afrikanische Regionen ihre jeweils eigene unverwechselbare musikalische Sprache pflegten, darunter die verschiedensten pentatonischen Tonleitern. Wo auch immer diese musikalischen Welten aufeinandertrafen, verdrängte keine die andere. Sie begannen stattdessen einen Dialog, aus dem neue Ausdrucksformen hervorgingen, deren Einflüsse bis heute im Sudan, in Äthiopien, Eritrea, Somalia, Ägypten, Marokko, Algerien, Tunesien, Mauretanien und in weiten Teilen des afrikanischen Kontinents zu hören sind.

Im Rhythmus zeigt sich dieser Dialog vielleicht noch deutlicher als in jedem anderen musikalischen Element. Die Musik vieler afrikanischer Traditionen basiert nicht auf einem einzigen, sondern auf mehreren sich überlagernden Rhythmen, die miteinander interagieren und auf diese Weise statt eines einfachen Pulses eine kontinuierliche Bewegung erzeugen. Das Zusammentreffen dieser rhythmischen Strukturen mit dem rhythmischen Vokabular der arabischen Musik erweiterte die Ausdrucksmöglichkeiten beider Traditionen, während die jeweilige Identität gewahrt blieb.

In einer Beschreibung dieser gemeinsamen musikalischen Welt dürfen auch die Musikinstrumente nicht fehlen. Die Oud, heute eines der Sinnbilder arabischer Musik schlechthin, blieb nicht auf ihre ursprüngliche kulturelle Umgebung beschränkt. Im Laufe der Geschichte trat sie mit zahlreichen afrikanischen Instrumenten in Dialog, während afrikanische Instrumentaltraditionen die Klangerzeugung, Artikulation, Ornamentik und Klangfarbe in der arabischen Aufführungspraxis beeinflussten. Genauso verbreiteten sich Trommeln, Rahmentrommeln, Saiten- und Blasinstrumente über Handelswege, durch Migration und kulturellen Austausch, bis sie Teil eines kollektiven musikalischen Gedächtnisses wurden. Den tiefgreifendsten Einfluss übten jedoch nicht die Instrumente selbst aus, sondern die Art und Weise, wie sie gespielt werden. Wenn sich Musiker:innen ein Instrument aus einer anderen Kultur zu eigen machen, übernehmen sie nicht einfach nur eine bestimmte Konstruktion aus Holz und Saiten, sondern eine ganze Philosophie des Klangs, der Stille, des Tempos, der Improvisation und der Beziehung zwischen Musizierenden und Publikum.

Die zentrale Rolle von Improvisation ist eine der auffälligsten Gemeinsamkeiten zwischen arabischer und afrikanischer Musiktradition. Improvisation bedeutet keine Abkehr von musikalischer Ordnung; sie ist vielmehr der höchste Ausdruck des Verständnisses dieser Ordnung. Durch sie können Musiker:innen im gegenwärtigen Augenblick Musik neu erschaffen und dabei gleichzeitig tief in der Tradition verwurzelt bleiben. Insofern wurde Improvisation zu einem der stärksten Bindeglieder zwischen den Musizierenden in dieser weitläufigen geografischen und kulturellen Landschaft. Eine ebenso wichtige Rolle spielt in vielen arabischen und afrikanischen Gesellschaften das gemeinsame Singen. Es ist mehr als eine künstlerische Darbietung, es ist ein sozialer Akt, der die Gemeinschaft stärkt und Musik zu einer gemeinsamen menschlichen Erfahrung macht statt zum Werk des Einzelnen. Das ist auch eine Erklärung dafür, dass Musik nach wie vor im Alltag eine große Rolle spielt: Sie begleitet die Arbeit, die Ernte, Feste, Gottesdienste, Geburten, Trauerfeiern und jedes andere einschneidende Ereignis im Leben von Menschen.

Blickt man auf die heutige musikalische Landschaft, so entstehen viele der innovativsten künstlerischen Projekte aus diesem gemeinsamen Erbe. Eine neue Generation von Komponistinnen und Musikern betrachtet Identität immer weniger als Grenze, sondern als Ausgangspunkt für Dialog. Genau darin liegt die Bedeutung afrikanisch-arabischer Verbindungen. Sie stehen nicht nur für eine Geschichte, die es zu feiern gilt, sondern auch für eine Zukunft, die darauf wartet, gestaltet zu werden. Unsere Verantwortung heute umfasst mehr als die Bewahrung der Tradition. Wir müssen sie weiter erforschen, dokumentieren, neu interpretieren und als lebendige menschliche Erfahrung an nachfolgende Generationen weitergeben. Jeder Maqam enthält eine Geschichte, jeder Rhythmus bewahrt eine Erinnerung, und jedes Instrument steht für Jahrhunderte des kulturellen Austauschs.

Ein Festival wie die diesjährigen Arabic Music Days, das Musiker:innen aus Afrika und der arabischen Welt zusammenbringt, bietet ein lebendiges Experimentierfeld für diesen Dialog. Ich wünsche mir, dass es nicht nur aus einer Reihe von Konzerten besteht, sondern den Künstler:innen die Möglichkeit eröffnet, ihr gemeinsames musikalisches Erbe wiederzuentdecken und einer Geschichte, die vor Jahrhunderten begann und bis heute andauert, neue Kapitel hinzuzufügen. Die afrikanisch-arabische Welt ist also mehr als ein geografischer Begriff. Sie ist eine sich ständig weiterentwickelnde Klangkultur, in der der arabische Maqam auf Pentatonik trifft, komplexe afrikanische Rhythmen mit arabischer musikalischer Phrasierung in Beziehung treten, Erinnerung und Innovation einander begegnen und die Tradition zu einer Quelle kreativer Erneuerung wird.

In einer Zeit, in der die Welt mehr denn je gespalten zu sein scheint, erinnert Musik immer noch aufs Eindrücklichste an das, was die Menschheit verbindet. Musik fragt nie nach dem Pass. Sie interessiert sich nicht für Grenzen. Sie geht vom Menschen aus und führt immer wieder zu ihm zurück. Das ist vielleicht der Grund dafür, warum wir, wann immer wir der Musik aus Afrika und der arabischen Welt wirklich zuhören, erkennen, dass es sich nicht um zwei benachbarte Kulturen handelt, sondern um eine fortlaufende menschheitliche Geschichte, die von vielen Stimmen erzählt wird und deren nächstes Kapitel erst noch zu schreiben ist.

Übersetzung aus dem Englischen: Sylvia Zirden  

 

Naseer Shamma, geboren im irakischen Kut, zählt zu den profiliertesten Oud-Virtuosen und -Lehrern weltweit. Er schloss seine musikalische Ausbildung 1987 an der Musikakademie in Bagdad bei dem irakischen Großmeister Munir Bashir ab und promovierte später in Musikphilosophie. Von 1993 bis 1998 unterrichtete er an der Musikhochschule in Tunis. Im Anschluss gründete er in Kairo das Arab Oud House, eine Schule, die ganz seinem Instrument gewidmet ist und der seither weitere Standorte in Abu Dhabi, Riad, Bagdad und Mossul folgten. Er hat weltweit Konzerte mit Musiker:innen unterschiedlichster Herkunft gegeben und kombiniert in vielen seiner Projekte Traditionen und Instrumente der klassischen arabischen mit denen westlicher Musik. Er erhielt mehr als 70 irakische und internationale Ehrungen und Preise; für sein humanitäres Engagement wurde er 2012 mit dem Gusi Peace Prize ausgezeichnet und 2017 zum UNESCO Artist for Peace ernannt. Dem Pierre Boulez Saal ist er seit dessen Eröffnung als Kurator der Arabic Music Days eng verbunden. 

Die Künstler:innen


Ahmad Shamma
Oud und Komposition

Der gebürtige Iraker Ahmad Shamma ist Oud-Spieler, Komponist und musikalischer Leiter des Al Multaqa Orchestra und Ensemble, das mit seinem unverwechselbaren Klang afrikanische und arabische Musiktraditionen vereint. Er begann seine künstlerische Laufbahn am College of Fine Arts der Universität Bagdad und studierte anschließend am von Naseer Shamma gegründeten Arab Oud House in Kairo. Nach seinem Abschluss als Solist, den er 2007 mit Auszeichnung erwarb, unterrichtete er selbst an der Institution. Später ging er nach Abu Dhabi, um am dortigen Oud House und an der Sorbonne University Abu Dhabi die Fächer Oud und traditionelle Musik zu unterrichten. Er ist in vielen internationalen Musikzentren aufgetreten und hat einen eigenen Stil entwickelt, der das irakische musikalische Erbe mit zeitgenössischen Einflüssen verbindet.

September 2026


Al Multaqa Ensemble

Die aus Mali stammende Musikerin und interdisziplinäre Künstlerin Oussa Sogoba tritt als Interpretin am Balafon und anderen traditionellen Schlaginstrumenten auf. Sie erwarb einen Bachelorabschluss am Balla Fasséké Kouyaté Conservatory of Arts and Multimedia in der malischen Hauptstadt Bamako und studierte außerdem Theater am National Institute of Arts. Sie ist bei wichtigen Festivals und kulturellen Veranstaltungen in vielen Teilen Malis aufgetreten und insbesondere als erste weibliche traditionelle Balafon-Spielerin ihres Heimatlandes bekannt.

Moussa Traore stammt aus Mali und ist mit der reichen künstlerischen Tradition Westafrikas aufgewachsen. Als Interpret auf der Kora, einem traditionellen Saiteninstrument, das Elemente von Harfe und Laute vereint, hat er einen unverwechselbaren Stil kreiert, der traditionelle westafrikanische Rhythmen mit Einflüssen aus Jazz und Reggae verschmilzt und dabei gleichzeitig fest in seiner malischen Herkunft verwurzelt ist. Er hat in Aufnahmestudios in ganz Mali gearbeitet. Als Mitglied des Al Multaqa Ensemble bewahrt er afrikanische Musiktraditionen und bringt sie unterschiedlichsten Hörer:innen nahe.

Der nigerianische Schlagzeuger und Pianist Kingsley Chinedu, geboren im Bundesstaat Abia und aufgewachsen im Bundesstaat Kaduna als Sohn einer musikalischen Familie, begann seine künstlerische Ausbildung als Siebenjähriger und wurde im Alter von 12 Jahren Schüler des bekannten nigerianischen Schlagzeugers Remi Kabaka. Seitdem ist er sowohl national als auch international mit vielen Bands, Ensembles und Künstler:innen aufgetreten.

Der Multiinstrumentalist und Komponist Malai Maluak Deng Rau musiziert u.a. auf der Bogenharfe Adungu und der Schalenleier Tanbur. Er hat sich intensiv mit dem reichen Repertoire ostafrikanischer Klänge beschäftigt und bezieht unterschiedliche Texturen und Traditionen in seine Werke ein, die eine starke Verbindung zu ihrem kulturellen Erbe pflegen. Er ist in verschiedensten musikalischen Stilen zuhause und pflegt eine Vielzahl afrikanischer Musiktraditionen.

Der sudanesische Schlagzeuger Shibly begann seine musikalische Ausbildung im Alter von fünf Jahren und seine professionelle Laufbahn im Jahr 2006 mit der südsudanesischen Zande Jazz Band. Er war Gründungsmitglied der Sudan Roots Band und ist mit mehreren prominenten sudanesischen Gruppen aufgetreten, darunter die Kush Band, Aslaf Band und Sudan Resonator. Darüber hinaus hat er mit internationalen Künstler:innen und Institutionen wie dem britischen Sänger Natty, dem British Council und dem Goethe-Institut zusammengearbeitet.

September 2026

Veranstaltungsdetails & Karten Print Program