Domen Marinčič Viola da gamba

Werke von
Jean Lacquement Dubuisson
Monsieur de Sainte-Colombe le père
Monsieur de Sainte-Colombe le fils
Monsieur de Machy
Johannes Schenk
Carl Friedrich Abel

Jean Lacquement dit Dubuisson (1622/23–1680/81)
Suite e-moll (um 1680)

Prélude – Allemande – Courante – Sarabande


Monsieur de Sainte-Colombe le père (fl. 1658–1687)
Suite D-Dur (um 1680)

Allemande – Courante – Sarabande – Gigue à la manière du Vieux Gautier – Gigue – Vielle


Monsieur de Sainte-Colombe le fils (um 1660–um 1720)
Tombeau pour Monsieur de Sainte-Colombe le père (1701?)

[ohne Bezeichnung] – Passage du Styx – Fort lentement – Dernier adieu – Désespoir – Fort lentement – Gay


Monsieur de Machy (fl. 1685)
Suite G-Dur (1685)

Prélude – Allemande – Courante – Sarabande – Gigue – Gavotte en rondeau – Chaconne


Pause


Johannes Schenk (1660–1710)
Sonate Nr. 6 a-moll aus L’Écho du Danube op. 9 (um 1710)

Adagio – Presto – Adagio – Aria. Largo – Vivace – Aria. Largo – Allegro – Largo – Aria. Largo – Aria. Adagio – Giga


Anonymus
Allemanda, Courante und Variatio A-Dur
(aus Ein neu reformirt und kinstlich abgerechneter Raitknecht, Universitätsbibliothek Ljubljana Ms 272, 1692)


Carl Friedrich Abel 
(1723–1787)

Zwei Stücke d-moll AbelWV A:27 und A:30 (um 1775)

Jean Lacquement dit Dubuisson (1622/23–1680/81)
Suite e-moll (um 1680)

Prélude – Allemande – Courante – Sarabande


Monsieur de Sainte-Colombe le père (fl. 1658–1687)
Suite D-Dur (um 1680)

Allemande – Courante – Sarabande – Gigue à la manière du Vieux Gautier – Gigue – Vielle


Monsieur de Sainte-Colombe le fils (um 1660–um 1720)
Tombeau pour Monsieur de Sainte-Colombe le père (1701?)

[ohne Bezeichnung] – Passage du Styx – Fort lentement – Dernier adieu – Désespoir – Fort lentement – Gay


Monsieur de Machy (fl. 1685)
Suite G-Dur (1685)

Prélude – Allemande – Courante – Sarabande – Gigue – Gavotte en rondeau – Chaconne


Pause


Johannes Schenk (1660–1710)
Sonate Nr. 6 a-moll aus L’Écho du Danube op. 9 (um 1710)

Adagio – Presto – Adagio – Aria. Largo – Vivace – Aria. Largo – Allegro – Largo – Aria. Largo – Aria. Adagio – Giga


Anonymus
Allemanda, Courante und Variatio A-Dur
(aus Ein neu reformirt und kinstlich abgerechneter Raitknecht, Universitätsbibliothek Ljubljana Ms 272, 1692)


Carl Friedrich Abel 
(1723–1787)

Zwei Stücke d-moll AbelWV A:27 und A:30 (um 1775)

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Gemälde von Jan Weenix, um 1700 (Rijksmuseum Amsterdam)

Solistisch und ohne Begleitung gespielte Streichinstrumente entfalten einen einzigartigen Zauber – durch ihren innigen Ausdruck, ihren erzählerischen Charakter oder als häufige Wahl in der Tanzmusik, mit der sie seit dem Mittelalter eng verbunden sind. All diese Qualitäten finden sich im Repertoire für unbegleitete Bassgambe des 17. und 18. Jahrhunderts.

Essay von Domen Marinčič

„Die lieblichste Melodie“
Solowerke für Gambe

Domen Marinčič


Solistisch und ohne Begleitung gespielte Streichinstrumente entfalten einen einzigartigen Zauber – durch ihren innigen Ausdruck, ihren erzählerischen Charakter oder als häufige Wahl in der Tanzmusik, mit der sie seit dem Mittelalter eng verbunden sind. All diese Qualitäten finden sich im Repertoire für unbegleitete Bassgambe des 17. und 18. Jahrhunderts.

Nicolas Hotman, Komponist der frühesten aus Frankreich erhaltenen Solowerke, wurde irgendwann vor 1614 geboren. Sowohl als Gambist wie als Lautenist hoch angesehen, war er Lehrer von Sainte-Colombe und de Machy und vermutlich für die Einführung der Theorbe in Frankreich verantwortlich. Die gesamte französische Musik für Sologambe seit Hotman ist von der Lautentradition beeinflusst, und im Repertoire für beide Instrumente begegnen uns die gleichen Formen und musikalischen Gesten in einer abwechslungsreichen Textur aus Melodien, Akkorden und arpeggierter Polyphonie. Auch die Notation zeigt eine offensichtliche Ähnlichkeit oder Anleihe: Die meisten Gambisten bis hin zu de Machy verwendeten zumindest gelegentlich die französische Lautentabulatur, eine Notationsform, die nicht die Tonhöhen, sondern die Position der Finger auf den Bünden angibt.

Zu den frühesten Quellen französischer Musik für Sologambe zählen neben Hotmans Kompositionen auch Werke von Jean Laquement, der unter dem Namen Dubuisson bekannt wurde. Seine kurzen Suiten mit ihrem reichen akkordischen Satz und ihrer idiomatisch angelegten Polyphonie waren bei Gambisten sehr beliebt. Weit mehr als 100 seiner Solostücke sind in Handschriften aus Frankreich, England, Deutschland und den Niederlanden überliefert. Im Jahr 1680 taucht Dubuissons Name zusammen mit Sainte-Colombe und Marin Marais auf einer Liste Pariser Gambenvirtuosen auf. Einige Jahre später kritisierte Jean Rousseau in seiner Gambenschule „das Spiel des verstorbenen alten Du Buisson“; de Machy hingegen gab seiner Spielweise den Vorzug vor derjenigen von Sainte-Colombe.

***

Informationen über das Leben von Sainte-Colombe finden sich nur sehr spärlich, selbst sein Vorname ist nicht bekannt. Zeitgenossen rühmten ihn als sensiblen Musiker und bedeutenden Erneuerer. Dank der neu erfundenen umsponnenen Saiten mit einer äußeren Schicht aus Metalldraht gelang es ihm, der Bassgambe eine siebte Saite hinzuzufügen und damit den Tonumfang im tiefen Register zu erweitern. Als angesehener Lehrer unterrichtete Sainte-Colombe nicht nur seine eigenen Kinder, sondern auch Danoville, Meliton, Jean Rousseau und den jungen Marin Marais. Letzteren soll er nach nur sechs Monaten mit der Begründung weggeschickt haben, er könne ihm nichts mehr beibringen – was zu der Mutmaßung führte, er könne in Marais einen potenziell gefährlichen Rivalen gesehen haben. Neben einer Reihe von Solostücken, von denen etwa 70 Prozent in d-moll stehen und vermutlich im Unterricht verwendet wurden, hinterließ Sainte-Colombe 67 „Concerts“ für zwei Bassgamben voller ungewöhnlicher Passagen und zweifelhafter Dissonanzen, die jedoch dank ihrer Originalität und dunklen poetischen Qualität als Juwelen der Kammermusik des 17. Jahrhunderts gelten.

Die geheimnisvolle Melancholie der Duos von Sainte-Colombe und seine nur bruchstückhaft überlieferte Biografie inspirierten den französischen Schriftsteller Pascal Quignard zu seinem 1991 veröffentlichten Roman Tous les matins du monde, der auf Deutsch unter dem Titel Die siebente Saite erschien. (Eine Verfilmung mit Gérard Depardieu als alternder Marais kam im selben Jahr in die Kinos.) Quignard stellt darin zwei gegensätzliche Sichtweisen auf die Musik dar: Der exzentrische Sainte-Colombe scheut den inhaltsleeren Prunk des Hofes und zieht es vor, in der Einsamkeit seines Gartenhäuschens zu musizieren. In besonders ergreifenden Momenten entfaltet seine Musik eine orphische Kraft und lässt seine verstorbene Frau erscheinen. Der junge Marais, ein leidenschaftlicher, ehrgeiziger Virtuose, ist von dieser kompromisslosen Hingabe an die Kunst fasziniert. Nach Auseinandersetzungen mit seinem Lehrer entscheidet er sich für eine glanzvolle Karriere am Hof des Sonnenkönigs, um am Ende festzustellen, dass der Ruhm ihn keineswegs glücklich gemacht hat. Ironischerweise wurde Quignards zentraler Gedanke durch den unverhofften kommerziellen Erfolg des Filmsoundtracks und seines realen Interpreten Jordi Savall konterkariert.

Einige von Sainte-Colombes Sätzen im heutigen Programm, die Allemande und die beiden Gigues, kommen gänzlich ohne Akkorde aus. Die Gigue à la manière du Vieux Gautier ist eine Hommage an den legendären Lautenisten Ennemond Gaultier (1575–1651), den Sainte-Colombe womöglich auch persönlich kannte. Wie der Großteil der Gigues französischer Lautenisten der älteren Generation ist dieser Satz im Zweiertakt notiert und ähnelt dem letzten Abschnitt des berühmten Tombeau für zwei Gamben von Sainte-Colombe, das die elysischen Freuden beschreibt. Im kurzen Vielle am Schluss der heutigen Suite muss der Spieler die dritte Saite tiefer stimmen, um die Klänge einer Drehleier zu imitieren.

***

Unter Sainte-Colombes Kindern war ein Sohn, dessen Vorname ebenfalls unbekannt ist und der, den technischen Anforderungen seiner Werke nach zu urteilen, ein ebenso herausragender Gambist gewesen sein muss wie sein Vater. Er verbrachte 1707 mindestens sechs Monate in Edinburgh, wo er unterrichtete und die Werke seines Vaters verbreitete. Einige Jahre später gab er in London ein Konzert zu wohltätigen Zwecken. Ein Manuskript in der Durham Cathedral Library enthält eine Reihe seiner Suiten sowie Werke von Marais, Christopher Simpson, Johann Schenk und anderen. Das einzigartige Tombeau in f-moll, das der jüngere Sainte-Colombe zum Tode seines Vaters verfasste, enthält programmatische Titel wie „Überquerung des Styx“, „Letzter Abschied“ und „Verzweiflung“. Einige Passagen klingen höchst theatralisch und im Gegensatz zu den meisten anderen Tombeaus geradezu opernhaft. Dieses außergewöhnliche Stück ist die längste bekannte einsätzige Komposition für ein unbegleitetes Streichinstrument vor Johann Sebastian Bachs berühmter Ciaconna für Solovioline.

Sieur de Machy war der erste französische Komponist, der Werke für unbegleitete Gambe in gedruckter Form veröffentlichte. Seine 1685 erschienene Sammlung enthält acht Suiten, von denen vier in französischer Tabulatur notiert sind. Indem er Details wie Bogenführung, Verzierungen (einschließlich Vibrato) und Fingersatz mit größter Präzision vorgab, begründete de Machy eine Tradition, die schließlich zu einem typischen Kennzeichen französischer Gambisten wurde. In einem ausführlichen Vorwort beschrieb er zwei unterschiedliche Arten, den Daumen der linken Hand zu halten, und rief damit bei Jean Rousseau und Danoville Widerspruch hervor – beide waren davon überzeugt, dass der Daumen immer gegenüber dem Mittelfinger positioniert werden müsse. Derartige Details bedurften der Erläuterung, und freundlicherweise versprach de Machy, jeden Samstag zwischen drei und sechs Uhr nachmittags zu Hause für die Beantwortung etwaiger Fragen zur Verfügung zu stehen.

***

„Die bezaubernde Bogenführung, mit der der große Schenk seine Viola da Gamba streichelte, wie ich es vor einigen Jahren andächtig zuhörend miterleben durfte, haben mich dazu ermutigt, das seelenbewegende Instrument (wenn es von so meisterhaften Fingern berührt wird) ebenfalls in die Hand zu nehmen.“ Diese Würdigung Johann Schenks stammt aus dem Vorwort zu einer Sammlung von Gambenwerken des niederländischen Organisten Johan Snep. Schenks Spiel wurde in zahlreichen Gedichten gerühmt, und sein Ruf brachte ihm schließlich eine Stelle am Düsseldorfer Hof des Kurfürsten Johann Wilhelm II. ein, der selbst Amateurgambist war. Schenks Werke für Gambe gipfelten in den Sammlungen Le Nymphe di Rheno und LʼEcho du Danube, die Anfang des 18. Jahrhunderts in Amsterdam gedruckt wurden. In letzterer Ausgabe zeigt sich der starke Einfluss moderner italienischer Streichersonaten, doch der ungewöhnlich abwechslungsreiche Kopfsatz der sechsten Sonate deutet auf eine programmatische Idee hin, die dem Tonfall im Tombeau von Sainte-Colombe dem Jüngeren ähnelt. Schenk wurde durch englische Gambisten, deutsche Geiger, holländische Streicher und nicht zuletzt französische Musiker inspiriert. Ein Porträt des jungen Marin Marais, das ihn stehend mit der auf einem Stuhl ruhenden Gambe in der Hand zeigt, wurde lange Zeit für eine Darstellung Schenks gehalten.

***

In der National- und Universitätsbibliothek von Ljubljana befindet sich ein aus dem Jahr 1692 datierendes kleines Manuskript unbekannter Herkunft, das den Titel Ein neu reformiert und künstlich abgerechneter Raitknecht trägt. Das Titelblatt trägt die Initialen J. M. J., und auf einer der enthaltenen Notenseiten ist der Name eines slowenischen Priesters vermerkt, möglicherweise nur als Randnotiz. Der Band enthält acht kurze Stücke für ein Tasteninstrument und Kompositionen für eine oder zwei Violinen mit oder ohne Bass, darunter auch Tanzsätze aus einem Trio von Arcangelo Corelli. Drei der Stücke für Solovioline – Allemanda, Courant und Variatio in A-Dur, für die jeweils eine Skordatur erforderlich ist – sind Teil des heutigen Programms.

***

Carl Friedrich Abel wurde in Köthen geboren, wo sein Vater in der Hofkapelle unter der Leitung von Johann Sebastian Bach spielte. Sein ganzes Leben lang war Carl Friedrich den Mitgliedern der Bach-Familie eng verbunden. Nach dem Tod seines Vaters ging er zum Studium nach Leipzig und wurde später Mitglied der Hofkapelle in Dresden, wo Johann Sebastian Bach den Titel eines Hofkomponisten innehatte und sein ältester Sohn Wilhelm Friedemann als Hoforganist tätig war. Um das Jahr 1757, als Friedrich II. die Stadt aufgrund von Auseinandersetzungen über die österreichische Erbfolge angriff, verließ Abel Dresden. Er besuchte das Haus der Familie Goethe in Frankfurt, machte möglicherweise auch Station in Mannheim und Paris und ging schließlich nach London, wo er die letzten drei Jahrzehnte seines Lebens verbrachte. Von 1763 an arbeitete er eng mit Bachs jüngstem Sohn Johann Christian zusammen. Gemeinsam veranstalteten sie mehr als 15 Jahre lang eine erfolgreiche Konzertreihe.

Abels Laufbahn als aktiver Musiker war eng mit der Bassgambe verbunden. Sein Nachruf in der Morning Post vermerkt, dass sein Lieblingsinstrument nicht mehr gebräuchlich sei und vermutlich mit ihm sterben werde. Johann Wolfgang von Goethe erinnerte sich an ihn als den letzten Künstler, die mit Erfolg und öffentlicher Anerkennung Gambe spielte. In der New York Public Library befindet sich ein Autograph mit Abels 29 Stücken für Sologambe, die vergleichsweise anspruchsvoll sind und womöglich für den eigenen Gebrauch komponiert wurden. Die Sammlung war einst im Besitz des englischen Malers Thomas Gainsborough, einem Amateurgambisten, der ein herrliches Porträt von Abel gemalt hat. Am Tag von Abels Tod schrieb Gainsborough, er werde nie aufhören, in den Himmel zu schauen, in der Hoffnung, seinen Freund wiederzusehen. An derselben Stelle spricht er von der „lieblichsten Melodie, die sich in meiner Sammlung seiner glücklichsten Ideen befindet“. Damit ist wahrscheinlich das Adagio in d-moll gemeint, das durch seine Expressivität hervorsticht und wie ein vielschichtiger Monolog anmutet.

Übersetzung aus dem Englischen: Sylvia Zirden

„Die lieblichste Melodie“
Solowerke für Gambe

Domen Marinčič


Solistisch und ohne Begleitung gespielte Streichinstrumente entfalten einen einzigartigen Zauber – durch ihren innigen Ausdruck, ihren erzählerischen Charakter oder als häufige Wahl in der Tanzmusik, mit der sie seit dem Mittelalter eng verbunden sind. All diese Qualitäten finden sich im Repertoire für unbegleitete Bassgambe des 17. und 18. Jahrhunderts.

Nicolas Hotman, Komponist der frühesten aus Frankreich erhaltenen Solowerke, wurde irgendwann vor 1614 geboren. Sowohl als Gambist wie als Lautenist hoch angesehen, war er Lehrer von Sainte-Colombe und de Machy und vermutlich für die Einführung der Theorbe in Frankreich verantwortlich. Die gesamte französische Musik für Sologambe seit Hotman ist von der Lautentradition beeinflusst, und im Repertoire für beide Instrumente begegnen uns die gleichen Formen und musikalischen Gesten in einer abwechslungsreichen Textur aus Melodien, Akkorden und arpeggierter Polyphonie. Auch die Notation zeigt eine offensichtliche Ähnlichkeit oder Anleihe: Die meisten Gambisten bis hin zu de Machy verwendeten zumindest gelegentlich die französische Lautentabulatur, eine Notationsform, die nicht die Tonhöhen, sondern die Position der Finger auf den Bünden angibt.

Zu den frühesten Quellen französischer Musik für Sologambe zählen neben Hotmans Kompositionen auch Werke von Jean Laquement, der unter dem Namen Dubuisson bekannt wurde. Seine kurzen Suiten mit ihrem reichen akkordischen Satz und ihrer idiomatisch angelegten Polyphonie waren bei Gambisten sehr beliebt. Weit mehr als 100 seiner Solostücke sind in Handschriften aus Frankreich, England, Deutschland und den Niederlanden überliefert. Im Jahr 1680 taucht Dubuissons Name zusammen mit Sainte-Colombe und Marin Marais auf einer Liste Pariser Gambenvirtuosen auf. Einige Jahre später kritisierte Jean Rousseau in seiner Gambenschule „das Spiel des verstorbenen alten Du Buisson“; de Machy hingegen gab seiner Spielweise den Vorzug vor derjenigen von Sainte-Colombe.

***

Informationen über das Leben von Sainte-Colombe finden sich nur sehr spärlich, selbst sein Vorname ist nicht bekannt. Zeitgenossen rühmten ihn als sensiblen Musiker und bedeutenden Erneuerer. Dank der neu erfundenen umsponnenen Saiten mit einer äußeren Schicht aus Metalldraht gelang es ihm, der Bassgambe eine siebte Saite hinzuzufügen und damit den Tonumfang im tiefen Register zu erweitern. Als angesehener Lehrer unterrichtete Sainte-Colombe nicht nur seine eigenen Kinder, sondern auch Danoville, Meliton, Jean Rousseau und den jungen Marin Marais. Letzteren soll er nach nur sechs Monaten mit der Begründung weggeschickt haben, er könne ihm nichts mehr beibringen – was zu der Mutmaßung führte, er könne in Marais einen potenziell gefährlichen Rivalen gesehen haben. Neben einer Reihe von Solostücken, von denen etwa 70 Prozent in d-moll stehen und vermutlich im Unterricht verwendet wurden, hinterließ Sainte-Colombe 67 „Concerts“ für zwei Bassgamben voller ungewöhnlicher Passagen und zweifelhafter Dissonanzen, die jedoch dank ihrer Originalität und dunklen poetischen Qualität als Juwelen der Kammermusik des 17. Jahrhunderts gelten.

Die geheimnisvolle Melancholie der Duos von Sainte-Colombe und seine nur bruchstückhaft überlieferte Biografie inspirierten den französischen Schriftsteller Pascal Quignard zu seinem 1991 veröffentlichten Roman Tous les matins du monde, der auf Deutsch unter dem Titel Die siebente Saite erschien. (Eine Verfilmung mit Gérard Depardieu als alternder Marais kam im selben Jahr in die Kinos.) Quignard stellt darin zwei gegensätzliche Sichtweisen auf die Musik dar: Der exzentrische Sainte-Colombe scheut den inhaltsleeren Prunk des Hofes und zieht es vor, in der Einsamkeit seines Gartenhäuschens zu musizieren. In besonders ergreifenden Momenten entfaltet seine Musik eine orphische Kraft und lässt seine verstorbene Frau erscheinen. Der junge Marais, ein leidenschaftlicher, ehrgeiziger Virtuose, ist von dieser kompromisslosen Hingabe an die Kunst fasziniert. Nach Auseinandersetzungen mit seinem Lehrer entscheidet er sich für eine glanzvolle Karriere am Hof des Sonnenkönigs, um am Ende festzustellen, dass der Ruhm ihn keineswegs glücklich gemacht hat. Ironischerweise wurde Quignards zentraler Gedanke durch den unverhofften kommerziellen Erfolg des Filmsoundtracks und seines realen Interpreten Jordi Savall konterkariert.

Einige von Sainte-Colombes Sätzen im heutigen Programm, die Allemande und die beiden Gigues, kommen gänzlich ohne Akkorde aus. Die Gigue à la manière du Vieux Gautier ist eine Hommage an den legendären Lautenisten Ennemond Gaultier (1575–1651), den Sainte-Colombe womöglich auch persönlich kannte. Wie der Großteil der Gigues französischer Lautenisten der älteren Generation ist dieser Satz im Zweiertakt notiert und ähnelt dem letzten Abschnitt des berühmten Tombeau für zwei Gamben von Sainte-Colombe, das die elysischen Freuden beschreibt. Im kurzen Vielle am Schluss der heutigen Suite muss der Spieler die dritte Saite tiefer stimmen, um die Klänge einer Drehleier zu imitieren.

***

Unter Sainte-Colombes Kindern war ein Sohn, dessen Vorname ebenfalls unbekannt ist und der, den technischen Anforderungen seiner Werke nach zu urteilen, ein ebenso herausragender Gambist gewesen sein muss wie sein Vater. Er verbrachte 1707 mindestens sechs Monate in Edinburgh, wo er unterrichtete und die Werke seines Vaters verbreitete. Einige Jahre später gab er in London ein Konzert zu wohltätigen Zwecken. Ein Manuskript in der Durham Cathedral Library enthält eine Reihe seiner Suiten sowie Werke von Marais, Christopher Simpson, Johann Schenk und anderen. Das einzigartige Tombeau in f-moll, das der jüngere Sainte-Colombe zum Tode seines Vaters verfasste, enthält programmatische Titel wie „Überquerung des Styx“, „Letzter Abschied“ und „Verzweiflung“. Einige Passagen klingen höchst theatralisch und im Gegensatz zu den meisten anderen Tombeaus geradezu opernhaft. Dieses außergewöhnliche Stück ist die längste bekannte einsätzige Komposition für ein unbegleitetes Streichinstrument vor Johann Sebastian Bachs berühmter Ciaconna für Solovioline.

Sieur de Machy war der erste französische Komponist, der Werke für unbegleitete Gambe in gedruckter Form veröffentlichte. Seine 1685 erschienene Sammlung enthält acht Suiten, von denen vier in französischer Tabulatur notiert sind. Indem er Details wie Bogenführung, Verzierungen (einschließlich Vibrato) und Fingersatz mit größter Präzision vorgab, begründete de Machy eine Tradition, die schließlich zu einem typischen Kennzeichen französischer Gambisten wurde. In einem ausführlichen Vorwort beschrieb er zwei unterschiedliche Arten, den Daumen der linken Hand zu halten, und rief damit bei Jean Rousseau und Danoville Widerspruch hervor – beide waren davon überzeugt, dass der Daumen immer gegenüber dem Mittelfinger positioniert werden müsse. Derartige Details bedurften der Erläuterung, und freundlicherweise versprach de Machy, jeden Samstag zwischen drei und sechs Uhr nachmittags zu Hause für die Beantwortung etwaiger Fragen zur Verfügung zu stehen.

***

„Die bezaubernde Bogenführung, mit der der große Schenk seine Viola da Gamba streichelte, wie ich es vor einigen Jahren andächtig zuhörend miterleben durfte, haben mich dazu ermutigt, das seelenbewegende Instrument (wenn es von so meisterhaften Fingern berührt wird) ebenfalls in die Hand zu nehmen.“ Diese Würdigung Johann Schenks stammt aus dem Vorwort zu einer Sammlung von Gambenwerken des niederländischen Organisten Johan Snep. Schenks Spiel wurde in zahlreichen Gedichten gerühmt, und sein Ruf brachte ihm schließlich eine Stelle am Düsseldorfer Hof des Kurfürsten Johann Wilhelm II. ein, der selbst Amateurgambist war. Schenks Werke für Gambe gipfelten in den Sammlungen Le Nymphe di Rheno und LʼEcho du Danube, die Anfang des 18. Jahrhunderts in Amsterdam gedruckt wurden. In letzterer Ausgabe zeigt sich der starke Einfluss moderner italienischer Streichersonaten, doch der ungewöhnlich abwechslungsreiche Kopfsatz der sechsten Sonate deutet auf eine programmatische Idee hin, die dem Tonfall im Tombeau von Sainte-Colombe dem Jüngeren ähnelt. Schenk wurde durch englische Gambisten, deutsche Geiger, holländische Streicher und nicht zuletzt französische Musiker inspiriert. Ein Porträt des jungen Marin Marais, das ihn stehend mit der auf einem Stuhl ruhenden Gambe in der Hand zeigt, wurde lange Zeit für eine Darstellung Schenks gehalten.

***

In der National- und Universitätsbibliothek von Ljubljana befindet sich ein aus dem Jahr 1692 datierendes kleines Manuskript unbekannter Herkunft, das den Titel Ein neu reformiert und künstlich abgerechneter Raitknecht trägt. Das Titelblatt trägt die Initialen J. M. J., und auf einer der enthaltenen Notenseiten ist der Name eines slowenischen Priesters vermerkt, möglicherweise nur als Randnotiz. Der Band enthält acht kurze Stücke für ein Tasteninstrument und Kompositionen für eine oder zwei Violinen mit oder ohne Bass, darunter auch Tanzsätze aus einem Trio von Arcangelo Corelli. Drei der Stücke für Solovioline – Allemanda, Courant und Variatio in A-Dur, für die jeweils eine Skordatur erforderlich ist – sind Teil des heutigen Programms.

***

Carl Friedrich Abel wurde in Köthen geboren, wo sein Vater in der Hofkapelle unter der Leitung von Johann Sebastian Bach spielte. Sein ganzes Leben lang war Carl Friedrich den Mitgliedern der Bach-Familie eng verbunden. Nach dem Tod seines Vaters ging er zum Studium nach Leipzig und wurde später Mitglied der Hofkapelle in Dresden, wo Johann Sebastian Bach den Titel eines Hofkomponisten innehatte und sein ältester Sohn Wilhelm Friedemann als Hoforganist tätig war. Um das Jahr 1757, als Friedrich II. die Stadt aufgrund von Auseinandersetzungen über die österreichische Erbfolge angriff, verließ Abel Dresden. Er besuchte das Haus der Familie Goethe in Frankfurt, machte möglicherweise auch Station in Mannheim und Paris und ging schließlich nach London, wo er die letzten drei Jahrzehnte seines Lebens verbrachte. Von 1763 an arbeitete er eng mit Bachs jüngstem Sohn Johann Christian zusammen. Gemeinsam veranstalteten sie mehr als 15 Jahre lang eine erfolgreiche Konzertreihe.

Abels Laufbahn als aktiver Musiker war eng mit der Bassgambe verbunden. Sein Nachruf in der Morning Post vermerkt, dass sein Lieblingsinstrument nicht mehr gebräuchlich sei und vermutlich mit ihm sterben werde. Johann Wolfgang von Goethe erinnerte sich an ihn als den letzten Künstler, die mit Erfolg und öffentlicher Anerkennung Gambe spielte. In der New York Public Library befindet sich ein Autograph mit Abels 29 Stücken für Sologambe, die vergleichsweise anspruchsvoll sind und womöglich für den eigenen Gebrauch komponiert wurden. Die Sammlung war einst im Besitz des englischen Malers Thomas Gainsborough, einem Amateurgambisten, der ein herrliches Porträt von Abel gemalt hat. Am Tag von Abels Tod schrieb Gainsborough, er werde nie aufhören, in den Himmel zu schauen, in der Hoffnung, seinen Freund wiederzusehen. An derselben Stelle spricht er von der „lieblichsten Melodie, die sich in meiner Sammlung seiner glücklichsten Ideen befindet“. Damit ist wahrscheinlich das Adagio in d-moll gemeint, das durch seine Expressivität hervorsticht und wie ein vielschichtiger Monolog anmutet.

Übersetzung aus dem Englischen: Sylvia Zirden

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