Elias Aboud, Martin Barth, Dominic Oelze Schlagzeug
Alina Pronina, Giuseppe Mentuccia Klavier

Werke von
Michael Laurello
Ivan Trevino
Thierry de Mey
Iannis Xenakis
Evan Chapman
Alejandro Viñao
Elias Aboud
Benjamin Holmes

Michael Laurello (*1981)
Spine für Percussion und Klavier (2015)


Ivan Trevino (*1983)
Seesaw für Percussion-Duo (2020) 


Thierry de Mey (*1956)
Silence Must Be für Solo-Dirigent (2002)


Iannis Xenakis 
(1922–2001)

Rebonds B für Percussion solo (1987–89)


Evan Chapman
Sympathy für zwei Vibraphone (2019)


Pause


Alejandro Viñao (*1951)
Dance Groove Drifting für zwei Marimbas (2011)


Elias Aboud (*1988)
Mosaic für Percussion-Trio (2026)


Benjamin Holmes (*1991)
Crossing für Percussion-Duo (2021)

Elias Aboud
Broken Rhythm für Percussion solo (2026)


Michael Laurello
Big Things für zwei Schlagzeuger und zwei Klaviere (2014/24)

Michael Laurello (*1981)
Spine für Percussion und Klavier (2015)


Ivan Trevino (*1983)
Seesaw für Percussion-Duo (2020) 


Thierry de Mey (*1956)
Silence Must Be für Solo-Dirigent (2002)


Iannis Xenakis 
(1922–2001)

Rebonds B für Percussion solo (1987–89)


Evan Chapman
Sympathy für zwei Vibraphone (2019)


Pause


Alejandro Viñao (*1951)
Dance Groove Drifting für zwei Marimbas (2011)


Elias Aboud (*1988)
Mosaic für Percussion-Trio (2026)


Benjamin Holmes (*1991)
Crossing für Percussion-Duo (2021)

Elias Aboud
Broken Rhythm für Percussion solo (2026)


Michael Laurello
Big Things für zwei Schlagzeuger und zwei Klaviere (2014/24)

Dominic Oelze, Martin Barth und Elias Aboud präsentieren Musik für Schlagzeug.

Einführungstext von Anne do Paço

Die Choreographie des Klanges
Musik für Schlagzeug

Anne do Paço


Sie sind enge künstlerische Partner, Mitglieder der Staatskapelle Berlin, des Boulez Ensembles und regelmäßig als Duo sowie in verschiedenen Kammermusikformationen zu erleben: Dominic Oelze und Martin Barth. Zusammen haben sie das Programm des heutigen Abends konzipiert – und sich mit ihrem Kollegen Elias Aboud und den Pianist:innen Alina Pronina und Giuseppe Mentuccia Gäste eingeladen für ein Konzert, das sich weniger als Percussion-Show denn als Einladung zu einem intensiven Hörerlebnis versteht. „Natürlich präsentieren wir einige Klassiker, die man in einem Schlagzeug-Konzert erwartet, wie Iannis Xenakis’ Rebonds oder Michael Laurellos Spine“, erklärt Oelze. „Wir möchten unser Publikum aber auch überraschen“. Entsprechend zeigen die ausgewählten Werke wie auch das eingesetzte Instrumentarium eine bemerkenswerte Bandbreite. „Viele Schlagzeuger spezialisieren sich. Wir arbeiten anders: sehr breitgefächert, denn es macht uns große Freude, nicht von bestimmten Instrumenten, sondern von den Kompositionen auszugehen, die uns wirklich interessieren.“ Elias Aboud einzuladen „war uns sehr wichtig“, fügt Oelze hinzu, „denn er bringt aus seiner Heimat Syrien die arabischen Percussion-Traditionen mit, die auf Schlagtechniken mit den Händen basieren.“ Der Pierre Boulez Saal, den der Musiker wegen der vielen Konzerte, die er hier bereits gespielt hat, als sein „Wohnzimmer“ bezeichnet, ist ein idealer Ort für dieses Konzert: „Es gibt Räume, die mich nicht interessieren, aber der Pierre Boulez Saal ist klanglich äußerst attraktiv. Man kann sehr leise spielen, sehr weit in eine extreme Dynamik hineingehen. Zugleich positionieren wir die Setups für die einzelnen Werke aber auch so, dass sie nicht nur akustisch, sondern auch visuell optimal wahrnehmbar sind.“


Mit Rückgrat

Das bereits erwähnte Spine des amerikanischen Komponisten Michael Laurello, das 2014/15 für die Yale Percussion Group entstand, ist, wie der Titel vermuten lässt, tatsächlich vom menschlichen Skelett inspiriert. Wie eine Wirbelsäule bildet eine zentrale musikalische Linie die Basis der Komposition: „als Rückgrat“, aber auch „hinsichtlich ihrer wahrgenommenen Steuerungsfunktion für Richtung und Verlauf der Musik“, so der Komponist. Aus ihr wächst das Material, aus ihr verzweigen sich Motive. Die übrigen Stimmen umspielen diese „Meta-Linie“, färben sie ein, kommentieren sie, lösen sich von ihr und kehren wieder zurück. Es entsteht ein organisch wirkender Klangprozess zwischen klarer Konstruktion und beinahe improvisatorischer Freiheit, komponiert nicht nur für ein vielfältiges Schlagwerk, sondern auch für ein Klavier, das sich von seiner perkussiven Seite zeigt.


Schlagzeug auf der Gitarre

Ein ungewöhnlich spielerisches und dabei auch humorvolles Stück ist Seesaw, 2020 von Ivan Trevino für zwei Schlagzeuger komponiert, die gemeinsam auf einer akustischen Gitarre spielen, welche dabei zugleich Saiteninstrument und perkussiver Klangkörper ist. Mit Sticks angeschlagen, gestrichen oder gezupft, entfaltet sie ein breites Spektrum an Farben – von resonierenden Flächen bis zu pointierten Rhythmen. Klassische Gitarrentechniken wie Flageoletts, Hammer-ons oder Pull-offs treten in einen lebendigen Dialog mit Schlaggesten und erschließen für eine Gitarre klanglich ungewöhnliche Bereiche – ein „Seesaw“, also ein Wechselspiel, in dem Klänge ständig neu austariert werden.

„Es ist im eigentlichen Sinne kein Schlagzeugstück, sondern könnte auch von anderen Instrumentalisten gespielt werden“, erläutert Oelze. „Es entsteht auch keine völlig fremde Klangwelt, weil der Gitarrenklang teilweise vorhanden ist, aber die gesamte Handhabung, Ausführung und das Ergebnis sind im Schlagzeugkontext nicht erwartbar.“ Ivan Trevino leistete mit diesem Werk einen Beitrag zur Idee des Multiinstrumentalismus, die nicht von der Spezialisierung auf ein einzelnes Instrument ausgeht, sondern von selbstverständlichen Wechseln zwischen verschiedenen Instrumenten in alternativen musikalischen Zusammenhängen.


Musik sehen

„Beim Schlagzeug sind es im Vergleich zu anderen Instrumenten in der Regel große Bewegungsabläufe, die immer eine Art Choreografie erzeugen, die am Ende zu Klang wird.“ So umschreibt Dominic Oelze einen zentralen Aspekt des Schlagzeugspiels: das Gestische, Körperliche – eine physische Qualität, die als sichtbare Aktion auch eine interessante optische Komponente für das Publikum darstellt. „Aus diesem Gedanken heraus haben wir Thierry De Meys Silence Must Be ins Programm aufgenommen. Es ist ein Solo, ähnlich einem Dirigat, bei dem man das Stück nicht hört, sondern nur sieht und trotzdem eine Vorstellung davon entwickelt, wie die Musik klingen könnte.“ Der belgische Komponist, dessen Werk 2002 entstand, schreibt vor allem für den Film und als enger Partner von so renommierten Choreograf:innen wie Anne Teresa De Keersmaeker und Wim Vandekeybus für Tanztheaterproduktionen.

In Silence Must Be steht der Körper selbst im Zentrum des musikalischen Geschehens. Der Interpret wendet sich dem Publikum zu, nimmt den eigenen Puls als Ausgangspunkt und entwickelt daraus ein vielschichtiges Geflecht aus Polyrhythmen, die allein durch Gestik und körperliche Präsenz erfahrbar werden. Oelze erklärt dazu: „Es ist klar definiert, was klingen soll, nur dass man es eben nicht hört, sondern sieht. Dazu gibt es aber auch Gesten, die nicht direkt mit Klang verbunden sind, sondern mit Schriftzügen und anderen Elementen. Auch das war ein Grund, das Stück in dieses Programm aufzunehmen: weil es wirklich unterhaltsam ist und zeigt, wie nah Bewegungsabläufe beim Schlagzeug und beim Dirigieren beieinanderliegen.“


Klangliche Rückstöße

Mit Rebonds von Iannis Xenakis hat auch einer der großen Schlagzeugklassiker seinen Platz im heutigen Konzert – eine energiegeladene Musik von archaischer Wucht. Der griechisch-französische Komponist verband sein musikalisches Denken auf einzigartige Weise mit Architektur und Mathematik. Geprägt durch seine Zusammenarbeit mit Le Corbusier sowie durch Impulse der musikalischen Avantgarde eines Edgard Varèse und Olivier Messiaen, entwickelte er eine Klangsprache von großer struktureller Klarheit und physischer Intensität.

Das zwischen 1987 und 1989 entstandene Solostück besteht aus zwei Teilen, deren Abfolge dem Interpreten überlassen ist. Während der erste Abschnitt ausschließlich Fellinstrumente nutzt – darunter Bongos, Tomtoms und große Trommeln –, erweitert der zweite das Spektrum um markante Holzklänge, insbesondere durch den Einsatz von Woodblocks. Um die schnellen Wechsel zwischen den verschiedenen Instrumenten zu meistern, aus denen jene „springenden“ und „zurückprallenden“ Klangimpulse entstehen, auf die der Titel Rebonds (französisch Rückprall, Rückstoß) anspielt, verlangt die Komposition eine äußerst präzise, geradezu maschinell anmutende Schlagtechnik.


Sympathische Schwingungen

Mit einer „klanglichen Überraschung“ spielt Evan Chapman in Sympathy – „ein sehr unterhaltsames Stück, das nicht nur uns viel Spaß macht“, so Dominic Oelze. „Durch die Publikumsreaktionen wissen wir, dass es meistens sehr gut ankommt – und haben es deshalb wieder aufs Programm gesetzt.“ Der Amerikaner Chapman verbindet in seinem Schaffen Schlagzeugkunst, Klangforschung und mediale Perspektiven und arbeitet interdisziplinär zwischen Musik und Film. Das Instrumentarium in Sympathy besteht aus je zwei Vibraphonen, Bass Drums und Snare Drums. Die Snare Drums werden nicht aktiv gespielt, statt dessen übertragen Mikrofone die Signale der Vibraphon- und Bass Drum-Klänge über Lautsprecher so, dass sie die Schnarrsaiten der Snare Drums durch sogenannte sympathische Schwingungen zum Klingen bringen. „Genau der Effekt, den man als Schlagzeuger normalerweise vermeiden möchte – nämlich dass die Snare mitklingt – wird hier gezielt eingesetzt“, sagt Oelze. „Es entsteht ein Klang, der nicht aktiv, sondern passiv durch Schwingung erzeugt wird, das klangliche Spektrum der Komposition also um indirekt ausgelöste Resonanzen erweitert.“ Dabei verweben sich die Vibraphon-Linien, Bass Drum-Strukturen und schwebenden Nachklänge zu dichten, teils hypnotisch wirkenden Rhythmen.


Driftende Grooves

Der in Buenos Aires geborene und u.a. am Londoner Royal College of Music ausgebildete Alejandro Viñao verbindet in seinen Werken instrumentale, elektroakustische und multimediale Ansätze mit einer ausgeprägt rhythmischen Denkweise. Dance Groove Drifting für zwei Marimbas ist der letzte Satz aus dem 2012 uraufgeführten vierteiligen Book of Grooves – eine Komposition, die vom Prinzip des Grooves als stabiles rhythmisches Muster ausgeht, das beim Publikum unmittelbar körperliche Bewegung aktiviert. Genau dieses Prinzip stellt Viñao in seiner Komposition allerdings infrage, indem er einen anfänglich präsentierten Groove systematisch „entsperrt“: Metrische Punkte verschieben sich, rhythmische Strukturen werden transformiert und zur treibenden Kraft der musikalischen Form. Neue Grooves als Variationen des ursprünglichen Materials schaffen eine fragile Balance zwischen Stabilität und Veränderung in einem linearen Prozess ohne Rückkehr zum Ausgangspunkt. Anders als die Popmusik mit ihren starren Rhythmen spielt Viñao bewusst mit dem Risiko, dass mit der Veränderung des vertrauten Pulses die unmittelbare körperliche Bindung der Hörenden an den Groove verloren geht. „Man verliert ständig die Perspektive, findet sie wieder und ist sofort wieder verloren“, beschreibt Oelze dieses faszinierende Spiel mit Stabilität und Transformation.


Kreuzungen

Einen Höhepunkt im zweiten Teil des Konzerts bilden zwei Werke aus jüngster Zeit von Elias Aboud, die traditionelle syrisch-arabische Elemente in das Programm einbringen. „Wir beginnen mit Mosaic, einem Trio, in dem Elias der Solist ist und Martin und ich ihn begleiten“, erzählt Dominic Oelze. „Darauf folgt mit Benjamin Holmes’ Duo Crossing eine Art Übergangsstück, fast wie eine Percussion-Etüde mit metronomartigen Klickstrukturen. Danach folgt ein Solo von Elias für traditionelle arabische Schlaginstrumente.“

Wo das Duo angesiedelt ist, das die neuen Stücke von Elias Aboud quasi „durchkreuzt“, macht bereits sein Titel deutlich: an einem Übergang, einer Kreuzung. Der aus Texas stammende Komponist und Schlagzeuger Benjamin Holmes entwirft in Crossing eine Szenerie, die von Alltagsgeräuschen inspiriert ist: den Klängen eines Bahnübergangs mit dem charakteristischen Warnsignal, das ertönt, wenn sich ein Zug nähert. Ein gleichmäßiger, glockenartig ertönender Puls, geschlagen auf eine Zil Bell und ein „objet trouvé“ aus dem Automobilschrott – eine Brake Drum, also Bremstrommel –, kontrastiert mit einem dichten Geflecht aus Rhythmen von je zwei Snare Drums und Concert Toms, die an die Dynamik vorüberfahrender Züge erinnern. Indem die beiden Interpreten sich die komplexen Rhythmen wie beim Pingpong zuspielen, entsteht der Eindruck eines in sich geschlossenen musikalischen Organismus – als würde eine einzige Instanz das gesamte Instrumentarium steuern.


Big Things

Den Abschluss des Programms bildet Big Things, ein zunächst für Gitarre und Bassgitarre konzipiertes Werk, für das Michael Laurello eine besondere Arbeitsmethode entwickelte. „Es war eines der ersten Stücke, die ich nicht mit traditioneller Notation, sondern mithilfe eines Prozesses aus Aufnahme und Improvisation geschrieben habe“, sagt der Komponist. „Ich habe mit einem rhythmischen Muster begonnen, das von einer E-Gitarre skizziert wurde, und dann weitere Instrumente darüber improvisiert. Die meisten Instrumente habe ich selbst aufgenommen, Abschnitt für Abschnitt, und dabei jede Spur in meiner Aufnahmesoftware bearbeitet. Auf diese Weise fühlte ich mich frei zu experimentieren, ohne mir Gedanken darüber machen zu müssen, wie es auf dem Papier aussehen würde.“ Dass es bei diesem Prozess auch zu „Copy-and-Paste“-artigen Fehlern kam, die zu Verschiebungen um eine Sechzehntelnote führten, bezeichnet Laurello als „glücklichen Zufall“, den er in seine Partitur integrierte. Diese transkribierte er schließlich aus der Aufnahme und arrangierte das Werk dann in jener Fassung für zwei Schlagzeuger und zwei Pianisten, die heute Abend erklingt. „Big Things ist kein klassischer ‚Rausschmeißer‘ mit Showeffekten“,sagt Dominic Oelze, „sondern ein Werk, das uns besonders interessiert. Es geht darin um eine eigene Klanglichkeit und komplexe rhythmische Strukturen, die das Zusammenspiel vor große Herausforderungen stellen.“ Die hochvirtuose Komposition changiert zwischen blockartigen Passagen und feinsten Ziselierungen – und entfaltet als Finale eine geradezu hypnotische Sogkraft.


Anne do Paço studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Germanistik in Berlin. Nach Engagements am Staatstheater Mainz, an der Deutschen Oper am Rhein und beim Wiener Staatsballett ist sie seit 2025 Dramaturgin an der Staatsoper Hannover. Sie veröffentlichte Aufsätze zur Musik- und Tanzgeschichte des 19. bis 21. Jahrhunderts und war als Autorin u.a. für die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, das Wiener Konzerthaus und die Opéra National de Paris tätig.

Die Choreographie des Klanges
Musik für Schlagzeug

Anne do Paço


Sie sind enge künstlerische Partner, Mitglieder der Staatskapelle Berlin, des Boulez Ensembles und regelmäßig als Duo sowie in verschiedenen Kammermusikformationen zu erleben: Dominic Oelze und Martin Barth. Zusammen haben sie das Programm des heutigen Abends konzipiert – und sich mit ihrem Kollegen Elias Aboud und den Pianist:innen Alina Pronina und Giuseppe Mentuccia Gäste eingeladen für ein Konzert, das sich weniger als Percussion-Show denn als Einladung zu einem intensiven Hörerlebnis versteht. „Natürlich präsentieren wir einige Klassiker, die man in einem Schlagzeug-Konzert erwartet, wie Iannis Xenakis’ Rebonds oder Michael Laurellos Spine“, erklärt Oelze. „Wir möchten unser Publikum aber auch überraschen“. Entsprechend zeigen die ausgewählten Werke wie auch das eingesetzte Instrumentarium eine bemerkenswerte Bandbreite. „Viele Schlagzeuger spezialisieren sich. Wir arbeiten anders: sehr breitgefächert, denn es macht uns große Freude, nicht von bestimmten Instrumenten, sondern von den Kompositionen auszugehen, die uns wirklich interessieren.“ Elias Aboud einzuladen „war uns sehr wichtig“, fügt Oelze hinzu, „denn er bringt aus seiner Heimat Syrien die arabischen Percussion-Traditionen mit, die auf Schlagtechniken mit den Händen basieren.“ Der Pierre Boulez Saal, den der Musiker wegen der vielen Konzerte, die er hier bereits gespielt hat, als sein „Wohnzimmer“ bezeichnet, ist ein idealer Ort für dieses Konzert: „Es gibt Räume, die mich nicht interessieren, aber der Pierre Boulez Saal ist klanglich äußerst attraktiv. Man kann sehr leise spielen, sehr weit in eine extreme Dynamik hineingehen. Zugleich positionieren wir die Setups für die einzelnen Werke aber auch so, dass sie nicht nur akustisch, sondern auch visuell optimal wahrnehmbar sind.“


Mit Rückgrat

Das bereits erwähnte Spine des amerikanischen Komponisten Michael Laurello, das 2014/15 für die Yale Percussion Group entstand, ist, wie der Titel vermuten lässt, tatsächlich vom menschlichen Skelett inspiriert. Wie eine Wirbelsäule bildet eine zentrale musikalische Linie die Basis der Komposition: „als Rückgrat“, aber auch „hinsichtlich ihrer wahrgenommenen Steuerungsfunktion für Richtung und Verlauf der Musik“, so der Komponist. Aus ihr wächst das Material, aus ihr verzweigen sich Motive. Die übrigen Stimmen umspielen diese „Meta-Linie“, färben sie ein, kommentieren sie, lösen sich von ihr und kehren wieder zurück. Es entsteht ein organisch wirkender Klangprozess zwischen klarer Konstruktion und beinahe improvisatorischer Freiheit, komponiert nicht nur für ein vielfältiges Schlagwerk, sondern auch für ein Klavier, das sich von seiner perkussiven Seite zeigt.


Schlagzeug auf der Gitarre

Ein ungewöhnlich spielerisches und dabei auch humorvolles Stück ist Seesaw, 2020 von Ivan Trevino für zwei Schlagzeuger komponiert, die gemeinsam auf einer akustischen Gitarre spielen, welche dabei zugleich Saiteninstrument und perkussiver Klangkörper ist. Mit Sticks angeschlagen, gestrichen oder gezupft, entfaltet sie ein breites Spektrum an Farben – von resonierenden Flächen bis zu pointierten Rhythmen. Klassische Gitarrentechniken wie Flageoletts, Hammer-ons oder Pull-offs treten in einen lebendigen Dialog mit Schlaggesten und erschließen für eine Gitarre klanglich ungewöhnliche Bereiche – ein „Seesaw“, also ein Wechselspiel, in dem Klänge ständig neu austariert werden.

„Es ist im eigentlichen Sinne kein Schlagzeugstück, sondern könnte auch von anderen Instrumentalisten gespielt werden“, erläutert Oelze. „Es entsteht auch keine völlig fremde Klangwelt, weil der Gitarrenklang teilweise vorhanden ist, aber die gesamte Handhabung, Ausführung und das Ergebnis sind im Schlagzeugkontext nicht erwartbar.“ Ivan Trevino leistete mit diesem Werk einen Beitrag zur Idee des Multiinstrumentalismus, die nicht von der Spezialisierung auf ein einzelnes Instrument ausgeht, sondern von selbstverständlichen Wechseln zwischen verschiedenen Instrumenten in alternativen musikalischen Zusammenhängen.


Musik sehen

„Beim Schlagzeug sind es im Vergleich zu anderen Instrumenten in der Regel große Bewegungsabläufe, die immer eine Art Choreografie erzeugen, die am Ende zu Klang wird.“ So umschreibt Dominic Oelze einen zentralen Aspekt des Schlagzeugspiels: das Gestische, Körperliche – eine physische Qualität, die als sichtbare Aktion auch eine interessante optische Komponente für das Publikum darstellt. „Aus diesem Gedanken heraus haben wir Thierry De Meys Silence Must Be ins Programm aufgenommen. Es ist ein Solo, ähnlich einem Dirigat, bei dem man das Stück nicht hört, sondern nur sieht und trotzdem eine Vorstellung davon entwickelt, wie die Musik klingen könnte.“ Der belgische Komponist, dessen Werk 2002 entstand, schreibt vor allem für den Film und als enger Partner von so renommierten Choreograf:innen wie Anne Teresa De Keersmaeker und Wim Vandekeybus für Tanztheaterproduktionen.

In Silence Must Be steht der Körper selbst im Zentrum des musikalischen Geschehens. Der Interpret wendet sich dem Publikum zu, nimmt den eigenen Puls als Ausgangspunkt und entwickelt daraus ein vielschichtiges Geflecht aus Polyrhythmen, die allein durch Gestik und körperliche Präsenz erfahrbar werden. Oelze erklärt dazu: „Es ist klar definiert, was klingen soll, nur dass man es eben nicht hört, sondern sieht. Dazu gibt es aber auch Gesten, die nicht direkt mit Klang verbunden sind, sondern mit Schriftzügen und anderen Elementen. Auch das war ein Grund, das Stück in dieses Programm aufzunehmen: weil es wirklich unterhaltsam ist und zeigt, wie nah Bewegungsabläufe beim Schlagzeug und beim Dirigieren beieinanderliegen.“


Klangliche Rückstöße

Mit Rebonds von Iannis Xenakis hat auch einer der großen Schlagzeugklassiker seinen Platz im heutigen Konzert – eine energiegeladene Musik von archaischer Wucht. Der griechisch-französische Komponist verband sein musikalisches Denken auf einzigartige Weise mit Architektur und Mathematik. Geprägt durch seine Zusammenarbeit mit Le Corbusier sowie durch Impulse der musikalischen Avantgarde eines Edgard Varèse und Olivier Messiaen, entwickelte er eine Klangsprache von großer struktureller Klarheit und physischer Intensität.

Das zwischen 1987 und 1989 entstandene Solostück besteht aus zwei Teilen, deren Abfolge dem Interpreten überlassen ist. Während der erste Abschnitt ausschließlich Fellinstrumente nutzt – darunter Bongos, Tomtoms und große Trommeln –, erweitert der zweite das Spektrum um markante Holzklänge, insbesondere durch den Einsatz von Woodblocks. Um die schnellen Wechsel zwischen den verschiedenen Instrumenten zu meistern, aus denen jene „springenden“ und „zurückprallenden“ Klangimpulse entstehen, auf die der Titel Rebonds (französisch Rückprall, Rückstoß) anspielt, verlangt die Komposition eine äußerst präzise, geradezu maschinell anmutende Schlagtechnik.


Sympathische Schwingungen

Mit einer „klanglichen Überraschung“ spielt Evan Chapman in Sympathy – „ein sehr unterhaltsames Stück, das nicht nur uns viel Spaß macht“, so Dominic Oelze. „Durch die Publikumsreaktionen wissen wir, dass es meistens sehr gut ankommt – und haben es deshalb wieder aufs Programm gesetzt.“ Der Amerikaner Chapman verbindet in seinem Schaffen Schlagzeugkunst, Klangforschung und mediale Perspektiven und arbeitet interdisziplinär zwischen Musik und Film. Das Instrumentarium in Sympathy besteht aus je zwei Vibraphonen, Bass Drums und Snare Drums. Die Snare Drums werden nicht aktiv gespielt, statt dessen übertragen Mikrofone die Signale der Vibraphon- und Bass Drum-Klänge über Lautsprecher so, dass sie die Schnarrsaiten der Snare Drums durch sogenannte sympathische Schwingungen zum Klingen bringen. „Genau der Effekt, den man als Schlagzeuger normalerweise vermeiden möchte – nämlich dass die Snare mitklingt – wird hier gezielt eingesetzt“, sagt Oelze. „Es entsteht ein Klang, der nicht aktiv, sondern passiv durch Schwingung erzeugt wird, das klangliche Spektrum der Komposition also um indirekt ausgelöste Resonanzen erweitert.“ Dabei verweben sich die Vibraphon-Linien, Bass Drum-Strukturen und schwebenden Nachklänge zu dichten, teils hypnotisch wirkenden Rhythmen.


Driftende Grooves

Der in Buenos Aires geborene und u.a. am Londoner Royal College of Music ausgebildete Alejandro Viñao verbindet in seinen Werken instrumentale, elektroakustische und multimediale Ansätze mit einer ausgeprägt rhythmischen Denkweise. Dance Groove Drifting für zwei Marimbas ist der letzte Satz aus dem 2012 uraufgeführten vierteiligen Book of Grooves – eine Komposition, die vom Prinzip des Grooves als stabiles rhythmisches Muster ausgeht, das beim Publikum unmittelbar körperliche Bewegung aktiviert. Genau dieses Prinzip stellt Viñao in seiner Komposition allerdings infrage, indem er einen anfänglich präsentierten Groove systematisch „entsperrt“: Metrische Punkte verschieben sich, rhythmische Strukturen werden transformiert und zur treibenden Kraft der musikalischen Form. Neue Grooves als Variationen des ursprünglichen Materials schaffen eine fragile Balance zwischen Stabilität und Veränderung in einem linearen Prozess ohne Rückkehr zum Ausgangspunkt. Anders als die Popmusik mit ihren starren Rhythmen spielt Viñao bewusst mit dem Risiko, dass mit der Veränderung des vertrauten Pulses die unmittelbare körperliche Bindung der Hörenden an den Groove verloren geht. „Man verliert ständig die Perspektive, findet sie wieder und ist sofort wieder verloren“, beschreibt Oelze dieses faszinierende Spiel mit Stabilität und Transformation.


Kreuzungen

Einen Höhepunkt im zweiten Teil des Konzerts bilden zwei Werke aus jüngster Zeit von Elias Aboud, die traditionelle syrisch-arabische Elemente in das Programm einbringen. „Wir beginnen mit Mosaic, einem Trio, in dem Elias der Solist ist und Martin und ich ihn begleiten“, erzählt Dominic Oelze. „Darauf folgt mit Benjamin Holmes’ Duo Crossing eine Art Übergangsstück, fast wie eine Percussion-Etüde mit metronomartigen Klickstrukturen. Danach folgt ein Solo von Elias für traditionelle arabische Schlaginstrumente.“

Wo das Duo angesiedelt ist, das die neuen Stücke von Elias Aboud quasi „durchkreuzt“, macht bereits sein Titel deutlich: an einem Übergang, einer Kreuzung. Der aus Texas stammende Komponist und Schlagzeuger Benjamin Holmes entwirft in Crossing eine Szenerie, die von Alltagsgeräuschen inspiriert ist: den Klängen eines Bahnübergangs mit dem charakteristischen Warnsignal, das ertönt, wenn sich ein Zug nähert. Ein gleichmäßiger, glockenartig ertönender Puls, geschlagen auf eine Zil Bell und ein „objet trouvé“ aus dem Automobilschrott – eine Brake Drum, also Bremstrommel –, kontrastiert mit einem dichten Geflecht aus Rhythmen von je zwei Snare Drums und Concert Toms, die an die Dynamik vorüberfahrender Züge erinnern. Indem die beiden Interpreten sich die komplexen Rhythmen wie beim Pingpong zuspielen, entsteht der Eindruck eines in sich geschlossenen musikalischen Organismus – als würde eine einzige Instanz das gesamte Instrumentarium steuern.


Big Things

Den Abschluss des Programms bildet Big Things, ein zunächst für Gitarre und Bassgitarre konzipiertes Werk, für das Michael Laurello eine besondere Arbeitsmethode entwickelte. „Es war eines der ersten Stücke, die ich nicht mit traditioneller Notation, sondern mithilfe eines Prozesses aus Aufnahme und Improvisation geschrieben habe“, sagt der Komponist. „Ich habe mit einem rhythmischen Muster begonnen, das von einer E-Gitarre skizziert wurde, und dann weitere Instrumente darüber improvisiert. Die meisten Instrumente habe ich selbst aufgenommen, Abschnitt für Abschnitt, und dabei jede Spur in meiner Aufnahmesoftware bearbeitet. Auf diese Weise fühlte ich mich frei zu experimentieren, ohne mir Gedanken darüber machen zu müssen, wie es auf dem Papier aussehen würde.“ Dass es bei diesem Prozess auch zu „Copy-and-Paste“-artigen Fehlern kam, die zu Verschiebungen um eine Sechzehntelnote führten, bezeichnet Laurello als „glücklichen Zufall“, den er in seine Partitur integrierte. Diese transkribierte er schließlich aus der Aufnahme und arrangierte das Werk dann in jener Fassung für zwei Schlagzeuger und zwei Pianisten, die heute Abend erklingt. „Big Things ist kein klassischer ‚Rausschmeißer‘ mit Showeffekten“,sagt Dominic Oelze, „sondern ein Werk, das uns besonders interessiert. Es geht darin um eine eigene Klanglichkeit und komplexe rhythmische Strukturen, die das Zusammenspiel vor große Herausforderungen stellen.“ Die hochvirtuose Komposition changiert zwischen blockartigen Passagen und feinsten Ziselierungen – und entfaltet als Finale eine geradezu hypnotische Sogkraft.


Anne do Paço studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Germanistik in Berlin. Nach Engagements am Staatstheater Mainz, an der Deutschen Oper am Rhein und beim Wiener Staatsballett ist sie seit 2025 Dramaturgin an der Staatsoper Hannover. Sie veröffentlichte Aufsätze zur Musik- und Tanzgeschichte des 19. bis 21. Jahrhunderts und war als Autorin u.a. für die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, das Wiener Konzerthaus und die Opéra National de Paris tätig.

asset_image

Die Künstler:innen


Elias Aboud
Schlagzeug

Elias Aboud studierte zunächst Schlagzeug und Komposition an der Musikhochschule seiner Heimatstadt Damaskus und setzte seine Ausbildung nach seiner Übersiedlung nach Berlin bei Dominic Oelze an der Barenboim-Said Akademie und an der Hochschule für Musik Hanns Eisler fort. Er ist Mitbegründer des Ramal Ensembles für zeitgenössische arabische Musik sowie Mitglied des Asambura Ensembles und des Syriab Ensembles. Mit dem Ramal Ensemble gastierte er u.a. im Pierre Boulez Saal, im Konzerthaus und der Villa Elisabeth in Berlin. Darüber hinaus führten ihn Auftritte zum Rudolstadt-Festival und zum Kunstfest Weimar. Seit 2014 ist er Mitglied des West-Eastern Divan Orchestra.

April 2026


Martin Barth
Schlagzeug

Martin Barth studierte Pauke und Schlagzeug an der Musikhochschule in München bei Franz Bach und Peter Sadlo. Nach einem einjährigen Engagement in der Joseph-Keilberth-Orchesterakademie der Bamberger Symphoniker wurde er 2015 noch während seines Studiums als Solo-Schlagzeuger zur Staatskapelle Berlin engagiert. Seit 2019 ist er als Mentor in deren Orchesterakademie tätig. Er tritt regelmäßig mit dem Boulez Ensemble und führenden Orchestern in Deutschland auf und hat dabei neben Daniel Barenboim mit Dirigenten wie Zubin Mehta, Sir Simon Rattle, Sir Antonio Pappano, Kirill Petrenko und François-Xavier Roth zusammengearbeitet.

April 2026


Dominic Oelze
Schlagzeug

Dominic Oelze erhielt ab seinem zehnten Lebensjahr Klavier- und Schlagzeugunterricht und studierte in Leipzig bei Stephan Storpora und Karl Mehlig und am Mozarteum in Salzburg bei Peter Sadlo. Nach Akademie- bzw. Jahresverträgen bei der Staatskapelle Dresden und dem Gewandhausorchester Leipzig wurde er 1998 von Daniel Barenboim als Solo-Schlagzeuger und Pauker der Staatskapelle Berlin engagiert. Als Kammermusiker tritt er bei zahlreichen Festivals u.a. in Salzburg, Jerusalem, Paris und New York auf, außerdem ist er regelmäßig im Pierre Boulez Saal mit zeitgenössischer Ensemble- und Sololiteratur zu erleben. Zu seinen musikalischen Partnern zählen Martha Argerich, Zubin Mehta, Lang Lang und François-Xavier Roth; darüber hinaus arbeitete er mit Komponisten wie Pierre Boulez, Elliott Carter und Jörg Widmann zusammen. Mit dem Ensemble Quillo engagiert er sich seit 2007 im ländlichen Brandenburg mit einer Konzertreihe für zeitgenössische Kammermusik sowie Musikvermittlungsprojekten für Kinder und Jugendliche. Er unterrichtet an der Barenboim-Said Akademie in Berlin sowie an der Akademie der Fundación Barenboim-Said in Sevilla. Von 2012 bis 2019 hatte er eine Professur an der Musikhochschule Dresden inne.

April 2026


Alina Pronina
Klavier

Alina Pronina wurde in Kiew geboren und absolvierte ihr Klavierstudium am dortigen Konservatorium sowie anschließend an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin. Außerdem besuchte sie Meisterklassen u.a. bei Dina Joffe, Bernd Goetzke und Lasar Berman. Während ihrer Studienzeit gewann sie mehrere internationale Wettbewerbe u.a. in Ettlingen, Marktoberdorf, St. Petersburg und im ukrainischen Worsel. Konzerte als Solistin und Kammermusikerin führten sie nach Österreich, Italien, Israel, China, Griechenland sowie in die Vereinigten Arabischen Emirate. Darüber hinaus tritt sie regelmäßig mit der Staatskapelle Berlin, dem Orchester der Deutschen Oper Berlin, dem Filmorchester Babelsberg und den Essener Philharmonikern auf. Seit 2009 ist sie Pianistin beim Staatsballett Berlin.

April 2026


Giuseppe Mentuccia
Klavier

Der italienische Dirigent und Pianist Giuseppe Mentuccia trat an renommierten Häusern wie der Metropolitan Opera in New York, der Wiener Staatsoper, der Accademia Nazionale di Santa Cecilia in Rom, der Berliner Philharmonie und der Staatsoper Unter den Linden in Berlin auf, wo er von 2018 bis zum Ende von dessen Amtszeit als Assistent von Generalmusikdirektor Daniel Barenboim wirkte und das Opernkinderorchester leitet. Er arbeitete mit Künstlern wie James Levine, Zubin Mehta, James Conlon, Myung-Whun Chung und Marco Armiliato zusammen und war als Resident Conductor und Coach für italienisches Repertoire an der Music Academy of the West in Kalifornien tätig, wo er das OperaFest leitete. Im Pierre Boulez Saal war er bereits mehrfach als Pianist und als Dirigent mit dem Boulez Ensemble zu hören.

Veranstaltungsdetails & Karten Print Program