Gareth Lubbe Violine, Viola, Gesang
Dizu Plaatjies Uhadi, Umrhubhe, Mbira, Umtshingo, Kudu-Horn, Nyanga-Flöte, Schlaginstrumente, Gesang
Kathleen Tagg Klavier, Kuratorin, Arrangements
Programm
Die Musik des heutigen Konzerts stammt aus folgenden Quellen:
Dizu Plaatjies, Traditionelle afrikanische Melodien
Gareth Lubbe, Miniatures I–IV
Abdullah Ibrahim, African Dawn
Andre Petersen (Bearbeitung: Tagg), Cape Doctor und Time Watchers
Kathleen Tagg, Berimbau und Second Time Around Part I
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„Wir sind Ihnen allen sehr dankbar, dass Sie uns auf dieser musikalischen, emotionalen und persönlichen Entdeckungsreise begleiten. Unser Ausgangsmaterial ist bestimmt von Erinnerungen, Gefühlen und der Liebe zu denen, die weit weg sind oder nicht mehr bei uns – all das verbunden mit der Freude, hier zu sein, Musik zu machen und das gemeinsam mit Ihnen zu tun.“
Kathleen Tagg, Gareth Lubbe, Dizu Plaatjies
Resonanzen durch Zeit und Raum
An der unteren Spitze Afrikas – eines riesigen Kontinents mit 54 Ländern und 1,6 Milliarden Menschen, die etwa 2000 verschiedene Sprachen sprechen – liegt Südafrika, ein reiches und komplexes Land mit vielfältig gemischter Bevölkerung und langer Geschichte. Das Programm des heutigen Abends ist der Klangwelt dreier Musiker:innen gewidmet, die tief in der afrikanischen Erde verwurzelt sind.
Einführungstext von Albert Combrink
Resonanzen durch Zeit und Raum
Zum Programm von Gareth Lubbe, Dizu Plaatjies und Kathleen Tagg
Albert Combrink
An der unteren Spitze Afrikas – eines riesigen Kontinents mit 54 Ländern und 1,6 Milliarden Menschen, die etwa 2000 verschiedene Sprachen sprechen – liegt Südafrika, ein reiches und komplexes Land mit vielfältig gemischter Bevölkerung und langer Geschichte. Man findet dort Symphonieorchester, klassische Konzertpianisten und Opernsängerinnen. Doch man findet auch einen immensen Schatz traditioneller und weniger traditioneller Musik, vom Jazz bis hin zu einer enormen Bandbreite an indigenen Klängen, die sich immer weniger kategorisieren lassen. Einflüsse von jenseits des Atlantiks und des Äquators haben die Musik des Landes bereichert, doch auch in umgekehrter Richtung gab es solche Einflüsse. Die Musik des afrikanischen Kontinents blüht und gedeiht und hat ihre Rhythmen und Melodien in die ganze Welt getragen.
Das Programm des heutigen Abends ist der Klangwelt dreier Musiker:innen gewidmet, die tief in der afrikanischen Erde verwurzelt sind. Mittlerweile leben sie an verschiedenen Orten auf der Welt: Kathleen Tagg in New York, Gareth Lubbe in Deutschland und Dizu Plaatjies in Kapstadt. Trotz der geografischen Entfernung – oder vielleicht gerade deswegen – bilden Experimentierfreude und Offenheit den Kern ihres Projekts. Herkunft und Traditionen dieser Künstler:innen sind höchst unterschiedlich, doch es verbindet sie eine große Neugier und die Bereitschaft, intensiv zuzuhören und genreübergreifend zusammenzuarbeiten.
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In jeder Art von Musik existieren Obertöne. Ein Oberton hat eine Klangfrequenz (oder Tonhöhe), die über der Grundfrequenz eines Klangs oder Tons liegt. Als hörbare Schwingung trägt er zum Gesamteindruck des Tons bei. Er kann beeinflusst, verstärkt oder unterdrückt werden. Meistens geschieht dies als Nebeneffekt beim Spielen oder Singen: es bereichert die Klangfarbe des Tons. Das heutige Programm möchte solche Obertöne als Ausgangspunkt für Reflexion und Kommunikation nutzen – als subtile Bedeutung, die in den hörbaren Klängen angedeutet oder impliziert wird.
Das Konzert verbindet alte musikalische Traditionen und Instrumente aus dem südlichen Afrika mit Elementen der Improvisation sowie zeitgenössischen westlichen Klangformen und Kompositionstechniken. Dazu gehört auch die Spektralmusik, die nicht die traditionellen Töne, Harmonien und Rhythmen in den Mittelpunkt stellt, sondern die innere Struktur des Klangs – sein akustisches Spektrum oder seine Klangfarbe. Heute Abend wird zu hören sein, wie sich die unterschiedlichen Fähigkeiten dieser Musiker:innen mit ganz verschiedenen Arten von Musik verbinden. Kathleen Tagg beschäftigt sich in ihren Projekten mit Klangfarben und erweiterten Spieltechniken; außerdem studierte und spielt sie afrikanische Musikinstrumente. Dizu Plaatjies ist ein international anerkannter Interpret, Pädagoge und Kulturvermittler, der eine enorme Bandbreite an afrikanischen Instrumenten und Stilrichtungen beherrscht. Gareth Lubbe hat eine klassische Ausbildung als Geiger und Bratscher absolviert, dessen Leben und Karriere sich in eine völlig andere Richtung entwickelte, als er begann, die Welt der Obertöne und seine eigene Stimme für sich zu entdecken.
Die drei haben sich auf eine lange Entdeckungsreise begeben. Während einige ihrer Stücke auskomponiert sind, schaffen andere Raum für strukturierte Improvisation. Kategorien wie „Crossover“ oder „Jazz“ vermeiden sie dabei. Ihr Ziel ist es auch nicht, afrikanische Musik auf westlichen Instrumenten zu spielen oder umgekehrt. Vielmehr werden diese scheinbar unvereinbaren Elemente zu einem nahtlosen Ganzen verwoben, indem indigene Instrumente und Spielweisen neben zeitgenössische Instrumente, Kompositionen und neue, gemeinsam geschaffene Werke treten, um die tiefgreifenden Verbindungen zwischen diesen unterschiedlichen musikalischen Welten zu beleuchten.
Das Programm gibt den drei Mitwirkenden die Gelegenheit, ihre Kunst, ihre Instrumente und ihre Kompositionen vorzustellen. Das ist jedoch nur der Ausgangspunkt für ein organisches musikalisches Erlebnis, das die individuellen Begabungen und Ausdrucksweisen aller Beteiligten zur Geltung bringt, während sie sich gegenseitig auf unbekanntes und manchmal auch unbequemes Terrain bringen – all das mit einem großen Sinn für Neugier. Jedes Werk auf dem Programms hat einen anderen Ursprung: Es kann sich um ein ursprünglich für Uhadi oder Mbira gedachtes Stück handeln, um eine Improvisation auf der Bratsche, die eine konsistente Form angenommen hat, oder um ein Originalwerk für Klavier, das erweitert und modifiziert wurde. Werke aus anderen Gemeinschaftsprojekten der drei Musiker:innen, die für diesen Zweck von Grund auf überarbeitet wurden, vervollständigen das Ausgangsmaterial.
Plaatjies und Tagg verbrachten gemeinsam längere Zeit in Kapstadt, um Instrumente auszuwählen, die sich gut ergänzen, und um mögliche Lieder und Stücke für das Projekt zu recherchieren. Ebenso kamen Lubbe und Tagg in Berlin zu intensiven Arbeitstreffen zusammen, bei denen sie Ideen austauschten und ausprobierten, welche musikalischen Konzepte es wert waren, weiterentwickelt zu werden. Es dauerte Monate, bis aus diesem Prozess der intensiven Auseinandersetzung und der Entwicklung von Formen und Strukturen ein stimmiges Programm entstand. Die fertigen Stücke sind klar strukturiert, lassen aber dennoch genügend Raum für Improvisation innerhalb des vorgegebenen Rahmens. Dafür sind einige praktische Voraussetzungen nötig. Eine davon ist, dass Plaatjies seine Bogeninstrumente mithilfe von Wirbeln stimmen kann (eine Anpassung, die es ihm ermöglicht, mit Musiker:innen aus anderen Genres zusammenzuspielen); dazu zählt auch seine Bereitschaft, sein ursprüngliches, traditionelles Repertoire in völlig neue Zusammenhänge zu stellen. Ebenso wichtig ist die Offenheit aller drei Künstler:innen für die unbegrenzten Möglichkeiten des verwendeten Materials und für die Gestaltung und Neuordnung dieses Materials durch Lubbe und Tagg. Nicht zuletzt bedarf es eines großen Vertrauens zwischen den Beteiligten, um die Rekontextualisierung ihres Musik, die Improvisation darüber und ihre Öffnung für die Ideen der anderen zuzulassen.
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Gareth Lubbe entdeckte den Obertongesang während seines Bratschenstudiums in Deutschland, zu einer Zeit, als er auch Jazzmusiker:innen kennenlernte, die sich ähnlich wie er mit Fragen des Klangs, der Struktur und des Ausdruck beschäftigten, wenn auch aus völlig anderer Perspektive. Die anfängliche Neugierde entwickelte sich bald zu etwas Grundlegenderem: einer Art des Zuhörens, bei der die Stimme nicht mehr als einfache Linie aufgefasst wird, sondern als Spektrum – als Klang, der viele Klänge in sich vereint. Lubbe beschreibt dieses Phänomen häufig am Beispiel von Licht, das durch ein Prisma fällt: Dabei ist die Stimme die Quelle, der Körper das Prisma, und die Obertöne sind die entstehenden Farben, die für das Publikum wahrnehmbar werden. Im Laufe der Zeit ergänzte der Obertongesang nicht so sehr seine musikalischen Identität, als dass er zu einer Linse wurde, durch die er alle Arten von Musik wahrnimmt. Er prägt sowohl seine Auftritte als auch seine Lehrtätigkeit und fördert eine erhöhte Sensibilität für das Innenleben des Klangs – für die Obertöne, die unabhängig von Stil oder Tradition in jedem Ton vorhanden sind.
Als Künstler, der Generationen von Musiker:innen inspiriert hat, ist Dizu Plaatjies zutiefst mit den Klängen seiner Heimat verbunden und immer bereit, sich in den unterschiedlichsten Kontexten mit Klang und Musik zu befassen – von Auftritten mit seinem bekannten Ensemble Amampondo über weltweit übertragene Konzerte im Wembley Stadium bis hin zu einfachen Familienfeiern. In seiner persönlichen und musikalischen Entwicklung, die ihn von den Townships in die ländlichen Gebiete von Pondoland und zurück in die Metropole Kapstadt führte, lernte er die Aufführungstraditionen der verschiedenen Regionen kennen und sammelte dabei auch Instrumente. Als Kind zweier traditioneller Heilkundiger wuchs er gleichzeitig in ländlicher und städtischer Umgebung auf, wo er aus vielen Quellen und von vielen Menschen lernen konnte, zu denen auch seine Tante Latozi „Madosini“ Mpahleni zählt, eine berühmte Musikerin. Dies ist deshalb von besonderer Bedeutung, weil die traditionellen südafrikanischen Mundbögen meist Fraueninstrumente sind. Dank dieses Werdegangs ist Plaatjies durch Auftritte, Unterricht und auch den Bau von Instrumenten zu einem Vermittler und Bewahrer dieser Traditionen geworden – wobei er jedoch gleichzeitig offen dafür ist, sie zu verändern und anzupassen, um weltweit mit Künstler:innen aus anderen Kulturen und Stilrichtungen zusammenzuarbeiten.
Kathleen Tagg ist zwar vor allem als Pianistin und Komponistin bekannt, doch hat sie die Zusammenarbeit mit anderen Musikerinnen, Künstlern, Genres und Kulturen zu ihrem Markenzeichen gemacht – und ist außerdem als Produzentin von Projekten und CD-Poduktionen an der Schnittstelle von Klassik, Jazz und sogenannter Weltmusik tätig. Sie lernte Lubbe als junge Musikerin in der klassischen Musikszene Südafrikas kennen. Während sie als Jugendliche in Kapstadt als Straßenkünstlerin auftrat, machte sie Bekanntschaft mit Plaatjies und seinem Ensemble und begegnete ihm später an der Universität von Kapstadt wieder. Das Studium dort hatte enormen Einfluss auf sie als junge Musikerin in einem Land, in dem gerade erst die Demokratie eingeführt worden war, denn sie lernte Musik und Musikschaffende aus ganz Südafrika und dem gesamten Kontinent kennen. Diese Zeit brachte sie auf den musikalischen Entdeckungsweg, den sie in den letzten 25 Jahren immer intensiver verfolgt hat: Sie arbeitet in New York mit ganz unterschiedlichen Musiker:innen zusammen und widmet sich gleichzeitig Projekten mit südafrikanischen Künstler:innen.