Susan Zarrabi Mezzosopran
Gerold Huber Klavier
Ulrike Folkerts Rezitation

Lieder von
Wolfgang Amadeus Mozart
Ludwig van Beethoven
Carl Loewe
Franz Schubert
Johannes Brahms
Friedrich Hollaender
Kurt Weill
Georg Kreisler
Friedrich Cerha

Texte von
Alfred Döblin
Frank Wedekind
Georg Büchner
Erich Kästner

Alfred Döblin (1878–1957)
aus Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord (1924)


Friedrich Cerha
(1926–2023)

Du bist mein, ich bin dein
aus Ein Buch von der Minne (1946)


Carl Loewe
(1796–1869)

Du Ring an meinem Finger
aus Frauenliebe op. 60 (1836) (Chamisso)


Ludwig van Beethoven
(1770–1827)

Der Kuss op. 128 (1822) (Weiße)


Franz Schubert
(1797–1828)

Die Liebe hat gelogen D 751 (1822–23) (Platen)


Kurt Weill
(1900–1950)

Denn wie man sich bettet, so liegt man
aus Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny (1930) (Brecht)


Frank Wedekind
(1864–1918)

aus Lulu (1913)


Wolfgang Amadeus Mozart
(1756–1791)

Warnung KV 433 (416c) (1783) (Uz)


Kurt Weill

Ballade von der sexuellen Hörigkeit
aus Die Dreigroschenoper (1928) (Brecht/Hauptmann)


Friedrich Hollaender
(1896–1976)

Oh Mond
aus Lieder eines armen Mädchens (1920–24) (Hollaender)


Georg Büchner
(1813–1837)

aus Woyzeck (1836–37)


Friedrich Cerha

Ihre Schönheit, das habe ich erkannt (von Fenis)
aus Ein Buch von der Minne


Franz Schubert

Der Zwerg D 771 (1822–23) (Collin)


Erich Kästner
(1899–1974)

Die Ballade vom Nachahmungstrieb (1931)



Pause



Heinrich Heine
(1797–1856)

Mit deinen blauen Augen (1830)


Johannes Brahms
(1833–1897)

Dein blaues Auge op. 59 Nr. 8 (1873) (Groth)


Georg Kreisler
(1922–2011)

Herberts blaue Augen (1962) (Kreisler)


aus dem Tagebuch von Karl Deutmann aus Adlershof bei Berlin (1945)


Friedrich Hollaender

Black Market
aus dem Film A Foreign Affair (1948) (Hollaender)


aus dem Outdoor-Magazin Kompass


Georg Kreisler

Frühlingslied (1956) (Kreisler)


aus der Regionalzeitung Blick aktuell vom 1. Juni 2021


Friedrich Hollaender

Die Kleptomanin (1931) (Hollaender)

Alfred Döblin (1878–1957)
aus Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord (1924)


Friedrich Cerha
(1926–2023)

Du bist mein, ich bin dein
aus Ein Buch von der Minne (1946)


Carl Loewe
(1796–1869)

Du Ring an meinem Finger
aus Frauenliebe op. 60 (1836) (Chamisso)


Ludwig van Beethoven
(1770–1827)

Der Kuss op. 128 (1822) (Weiße)


Franz Schubert
(1797–1828)

Die Liebe hat gelogen D 751 (1822–23) (Platen)


Kurt Weill
(1900–1950)

Denn wie man sich bettet, so liegt man
aus Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny (1930) (Brecht)


Frank Wedekind
(1864–1918)

aus Lulu (1913)


Wolfgang Amadeus Mozart
(1756–1791)

Warnung KV 433 (416c) (1783) (Uz)


Kurt Weill

Ballade von der sexuellen Hörigkeit
aus Die Dreigroschenoper (1928) (Brecht/Hauptmann)


Friedrich Hollaender
(1896–1976)

Oh Mond
aus Lieder eines armen Mädchens (1920–24) (Hollaender)


Georg Büchner
(1813–1837)

aus Woyzeck (1836–37)


Friedrich Cerha

Ihre Schönheit, das habe ich erkannt (von Fenis)
aus Ein Buch von der Minne


Franz Schubert

Der Zwerg D 771 (1822–23) (Collin)


Erich Kästner
(1899–1974)

Die Ballade vom Nachahmungstrieb (1931)



Pause



Heinrich Heine
(1797–1856)

Mit deinen blauen Augen (1830)


Johannes Brahms
(1833–1897)

Dein blaues Auge op. 59 Nr. 8 (1873) (Groth)


Georg Kreisler
(1922–2011)

Herberts blaue Augen (1962) (Kreisler)


aus dem Tagebuch von Karl Deutmann aus Adlershof bei Berlin (1945)


Friedrich Hollaender

Black Market
aus dem Film A Foreign Affair (1948) (Hollaender)


aus dem Outdoor-Magazin Kompass


Georg Kreisler

Frühlingslied (1956) (Kreisler)


aus der Regionalzeitung Blick aktuell vom 1. Juni 2021


Friedrich Hollaender

Die Kleptomanin (1931) (Hollaender)

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Liebe ist selten harmlos – und nicht immer führt sie zu harmonischer Verbundenheit und glückseliger Zweisamkeit. Sie kann auch verführen, in Abhängigkeit, Eifersucht und Verzweiflung treiben oder gar im Verbrechen enden. „Tatort: Lied!“ folgt den dunklen Spuren der Liebe durch mehr als 200 Jahre mit musikalisch-literarischer Ermittlungsarbeit.

Essay von Anne do Paço

Tatort: Lied!
Eine musikalisch-literarische Spurensuche

Anne do Paço  

 

Liebe ist selten harmlos – und nicht immer führt sie zu harmonischer Verbundenheit und glückseliger Zweisamkeit. Sie kann auch verführen, in Abhängigkeit, Eifersucht und Verzweiflung treiben oder gar im Verbrechen enden. „Tatort: Lied!“ folgt den dunklen Spuren der Liebe durch mehr als 200 Jahre – eine musikalisch-literarische Ermittlungsarbeit, deren Idee Susan Zarrabi entwickelte und dafür neben Gerold Huber eine weitere prominente Mitspielerin gewinnen konnte: Ulrike Folkerts, dem breiten Publikum vor allem als Tatort-Kommissarin Lena Odenthal bekannt. „Erst vor nicht allzu langer Zeit habe ich Ulrike Folkerts kennengelernt“, berichtet Zarrabi, „und mich sehr gefreut, als sie mit Begeisterung zusagte, bei diesem Liederabend dabei zu sein. Natürlich spielen wir auch mit den Assoziationen an die Serie, uns interessiert aber besonders die Bandbreite, die das Thema ‚Tatort‘ bietet. Mit Musik und Texten möchten wir verschiedene Facetten und Perspektiven beleuchten – und Fragen nachgehen: Was bringt einen Menschen dazu, ein Verbrechen zu begehen? Gibt es vielleicht auch nachvollziehbare Beweggründe?“

Die Auswahl literarischer Texte legt die menschlichen Abgründe schonungslos offen: In Alfred Döblins Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord wird ein realer Kriminalfall zur beklemmenden Studie weiblicher Abhängigkeit. Frank Wedekinds Lulu und Georg Büchners Woyzeck zeigen Figuren, die an gesellschaftlichen Zwängen und emotionaler Ausweglosigkeit zerbrechen. Tagebuchnotizen, Zeitungsberichte und Magazintexte machen deutlich, wie sehr Verbrechen stets Teil alltäglicher Lebensrealität ist. Diesen Texten steht mehr als ein Dutzend stilistisch höchst vielfältiger Lieder gegenüber.

Eröffnet wird das Programm mit einer der schönsten musikalischen Liebesbekundungen des 20. Jahrhunderts, basierend auf einem mittelalterlichen Text: „Du bist mein, ich bin dein, / Des sollst du gewiss sein“, heißt es in den ersten beiden Versen eines Gedichts, das prototypisch für die gesamte Minnelyrik stehen könnte. Mit dieser hatte sich der Wiener Komponist Friedrich Cerha, dessen Werk es in Deutschland immer noch zu entdecken gilt, ab den 1940er Jahren intensiv beschäftigt und daraus mit dem „4 x 11 Lieder“ umfassenden Buch von der Minne einen umfangreichen Liederzyklus geschaffen. Musikalisch schließt Cerha dabei an ältere Formen an und meidet die „den Text nachzeichnende, illustrative Technik Wolf-Strauss’scher Prägung“, wie er sagt. Dies gilt für Du bist mein ebenso wie für Ihre Schönheit, das hab ich erkannt, eine Miniatur über die berauschende und zugleich gefährliche Wirkung von Schönheit.

In Carl Loewes Du Ring an meinem Finger aus dem Zyklus Frauenliebe von 1836 (Robert Schumann sollte die gleichen Texte von Chamisso vier Jahre später vertonen) entfaltet sich die kantable Gesangslinie in ruhigem, innigem Ton über einer schlichten Klavierbegleitung. Ein Ring am Finger – ein Verlobungsring – wird zum Symbol einer neuen Bestimmung: der Hingabe an den geliebten Menschen und eines als sinnvoll erkannten Lebens. „Loewes Lied spiegelt die Atmosphäre einer bestimmten Situation“, erklärt Zarrabi. „Mit anderen Werken wie den Kompositionen von Cerha oder Brahms’ Dein blaues Auge möchten wir eher Seelenzustände hörbar machen.“

***

Mozarts auf einem leichtherzigen Volksliedtext beruhende Warnung vor den Reizen schöner Mädchen spiegelt den moralisch-galanten Ton des Rokoko in einem kurzen Strophenlied. Weniger harmlos, wenn auch ebenso humorvoll gemeint, ist die Ariette Der Kuss, die Ludwig van Beethoven bereits 1798 entwarf, aber erst im Dezember 1822 fertigstellte: Einer Frau wird ohne ihr Einverständnis ein Kuss aufgezwungen, sie droht zu schreien, wird überwältigt – und schreit erst später… Was sich aus heutiger Sicht höchst problematisch liest (und potentiell strafrechtliche Folgen hätte), bleibt in Beethovens Vertonung, die mit einem „Kichern“ im Klavier die Pointe des letzten Verses unterstreicht, nichts weiter als die Darstellung eines leicht frivolen Liebesabenteuers, in der mit weiblicher Gegenwehr kokettiert wird.

Eine unheilvolle Verstrickung von Liebe und Tod schildert Franz Schuberts düstere Ballade Der Zwerg. Der Text von Matthäus von Collin erzählt von einem Zwerg, der eine verheiratete Königin liebt. Von ihr zurückgewiesen rächt er sich auf einer Schifffahrt, indem er sie erdrosselt. Die Königin akzeptiert auf rätselhaft-sehnsüchtige Weise ihr Los. Als sie dem Zwerg im Sterben verzeiht, scheint er von Reue erfüllt und lässt sich auf die offene See treiben. Das Geschehen ist von einer pervertierten Todeserotik begleitet: Selbst als der Leichnam schon im Meer versunken ist, ist das Herz des Zwergs noch „voll Verlangen“. Schubert vertonte Collins Gedicht kurz nach dessen Publikation – in jenem für ihn so schicksalhaften Jahr 1823, das mit der Diagnose seiner Syphiliserkrankung die Verbindung von Liebe und Tod drastisch deutlich machte.

***

Eine scharfe, manchmal unerbittliche Zuspitzung der Verbrechensthematik bringen die von Susan Zarrabi ausgewählten Songs und Kabarettlieder aus dem 20. Jahrhundert – das gilt auf inhaltlicher Ebene, aber auch in interpretatorischer Hinsicht: „Es ist wirklich eine Herausforderung, die unterschiedlichen Anforderungen der verschiedenen Genres unter einen Hut zu bringen“, bekennt die Mezzosopranistin. „Gleichzeitig genieße ich es, mich als Künstlerin in diesen verschiedenen Stilen auszutoben. Und ich mache dabei die Erfahrung, dass sich die diversen Herangehensweisen stimmlich gegenseitig befruchten können, das eine Repertoire vom anderen profitiert. Grenzen auszuloten und daran zu wachsen ist für mich ein großer Reiz an dieser musikalischen Reise, die ‚Tatort: Lied!‘ ja auch ist.“

In Kurt Weills und Bertolt Brechts 1930 uraufgeführter Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny wird „die bürgerliche Welt […] als schon abgestorbene im Moment des Grauens präsentiert und demoliert im Skandal“, schrieb Theodor W. Adorno. Genuss ohne Grenzen, Rausch bis zum Exzess – in Mahagonny ist alles erlaubt. Doch was als neues Paradies propagiert wird, entpuppt sich als Hölle, in der der Mensch selbst sich als die größte Bedrohung erweist. Moralische Werte und Ideale wie die Liebe haben in der Logik reinen Eigeninteresses alle Bedeutung verloren: So lautet die nüchterne und zutiefst zynische Botschaft des Songs Denn wie man sich bettet, so liegt man. Ein schonungsloses Bild menschlicher Schwäche in einer Welt, in der sich Kriminalität nur mehr in der äußeren Form von bürgerlicher Respektabilität unterscheidet, hatten die beiden Autoren bereits zwei Jahre zuvor in der Dreigroschenoper präsentiert. Die Ballade von der sexuellen Hörigkeit beschreibt Sexualität als eine zerstörerische Kraft, die jede Form von Vernunft, Moral und Selbstkontrolle untergräbt.

Musikalisch kombiniert Weill in seinen Songs Anklänge an populäre Idiome der Weimarer Zeit – Jazz, Music-Hall-Songs, Kabarett – mit einer einfachen, blockartigen Harmonik, prägnanter Rhythmik und eingängiger Melodik. Durch schräge, ja „falsch“ wirkende Klänge schafft er jene Verfremdungen, die für seinen Stil so typisch sind. In seinem distanzierten Tonfall positioniert er sich zusammen mit Brecht weder als Komplize der Figuren noch als deren Richter, sondern vielmehr als Ermittler mit scharfem Verstand. 

***

Mit den Gegensätzen zwischen leichter, fast sentimental wirkender Musik und düsteren, sozialkritischen Texten spielt auch der Komponist, Dirigent und Textdichter Friedrich Hollaender, eine der prägenden Gestalten des Berliner Kabaretts der Weimarer Republik. Die im Berliner Dialekt gehaltene Ballade Oh Mond aus dem 1921 entstandenen Zyklus Lieder eines armen Mädchens erzählt die Geschichte einer jungen Frau, das im Gespräch mit dem Mond in eine Todesfantasie hineingezogen wird und schließlich Selbstmord begeht.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten emigrierte Hollaender 1933 über Paris in die USA und machte in Hollywood eine zweite Karriere als Filmkomponist. Für Billy Wilders A Foreign Affair mit Marlene Dietrich entstand 1948 der Song Black Market, der in bitter-zynischem Ton das Leben im Schwarzmarkt-Milieu des zerstörten Nachkriegs-Berlin beschreibt: In einer Welt der Knappheit ist alles handelbar geworden – nicht nur Dinge, sondern auch Moral, Gefühle und Überzeugungen.

Mit überzeichneter Komik portraitiert Hollaender dagegen in Die Kleptomanin von 1931 die zwanghafte Neigung einer Frau zum Stehlen. Ein Delikt, das in Georg Kreislers Herberts blaue Augen eine Steigerung erfährt: Ein Einbruchsversuch wird entdeckt und endet für jenen Verbrecher, der den „blauen Augen“ seines Freundes blind vertraute, mit dem Tod.

Als Österreicher in Österreich verhasst, skandalisiert, boykottiert und zeitweilig sogar verboten, setzte der gebürtiger Wiener Kreisler mit seinem bissig-skurrilen, oft auch politkritischen Humor Maßstäbe. Seine Lieder rütteln bis heute auf. Bei vielen von ihnen bleibt einem das Lachen im Hals stecken, wie in dem lapidar als Frühlingslied betitelten Stück, das vom gemeinschaftlichen Tauben-Vergiften im Park erzählt…

Mit Kreisler und Hollaender endet ein musikalisch-literarisches Programm, das mehr ist als eine bloße Kriminalanthologie. Mit Musik und Texten aus drei Jahrhunderten bietet „Tatort: Lied!“ auch ein Panorama der Emotionen. „Die Grundgefühle der Menschen sind die gleichen wie vor hunderten von Jahren“, ist Susan Zarrabi überzeugt. „Ob ich Freude, Eifersucht oder Wut in einem Lied oder in einem Film vorgeführt bekomme, macht letztlich keinen Unterschied. Nur die Ausdrucksform ist eine andere, und im Idealfall schaffen wir es, mit beiden Formen Menschen anzusprechen und zu bewegen.“ Wichtig ist dabei vor allem eins: „Wir müssen wieder lernen zuzuhören – oder besser gesagt, genauer hinzuhören.“

 

Anne do Paço studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Germanistik in Berlin. Nach Engagements am Staatstheater Mainz, an der Deutschen Oper am Rhein und beim Wiener Staatsballett ist sie seit 2025 Dramaturgin an der Staatsoper Hannover. Sie veröffentlichte Aufsätze zur Musik- und Tanzgeschichte des 19. bis 21. Jahrhunderts und war als Autorin u.a. für die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, das Wiener Konzerthaus und die Opéra National de Paris tätig. 

Tatort: Lied!
Eine musikalisch-literarische Spurensuche

Anne do Paço  

 

Liebe ist selten harmlos – und nicht immer führt sie zu harmonischer Verbundenheit und glückseliger Zweisamkeit. Sie kann auch verführen, in Abhängigkeit, Eifersucht und Verzweiflung treiben oder gar im Verbrechen enden. „Tatort: Lied!“ folgt den dunklen Spuren der Liebe durch mehr als 200 Jahre – eine musikalisch-literarische Ermittlungsarbeit, deren Idee Susan Zarrabi entwickelte und dafür neben Gerold Huber eine weitere prominente Mitspielerin gewinnen konnte: Ulrike Folkerts, dem breiten Publikum vor allem als Tatort-Kommissarin Lena Odenthal bekannt. „Erst vor nicht allzu langer Zeit habe ich Ulrike Folkerts kennengelernt“, berichtet Zarrabi, „und mich sehr gefreut, als sie mit Begeisterung zusagte, bei diesem Liederabend dabei zu sein. Natürlich spielen wir auch mit den Assoziationen an die Serie, uns interessiert aber besonders die Bandbreite, die das Thema ‚Tatort‘ bietet. Mit Musik und Texten möchten wir verschiedene Facetten und Perspektiven beleuchten – und Fragen nachgehen: Was bringt einen Menschen dazu, ein Verbrechen zu begehen? Gibt es vielleicht auch nachvollziehbare Beweggründe?“

Die Auswahl literarischer Texte legt die menschlichen Abgründe schonungslos offen: In Alfred Döblins Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord wird ein realer Kriminalfall zur beklemmenden Studie weiblicher Abhängigkeit. Frank Wedekinds Lulu und Georg Büchners Woyzeck zeigen Figuren, die an gesellschaftlichen Zwängen und emotionaler Ausweglosigkeit zerbrechen. Tagebuchnotizen, Zeitungsberichte und Magazintexte machen deutlich, wie sehr Verbrechen stets Teil alltäglicher Lebensrealität ist. Diesen Texten steht mehr als ein Dutzend stilistisch höchst vielfältiger Lieder gegenüber.

Eröffnet wird das Programm mit einer der schönsten musikalischen Liebesbekundungen des 20. Jahrhunderts, basierend auf einem mittelalterlichen Text: „Du bist mein, ich bin dein, / Des sollst du gewiss sein“, heißt es in den ersten beiden Versen eines Gedichts, das prototypisch für die gesamte Minnelyrik stehen könnte. Mit dieser hatte sich der Wiener Komponist Friedrich Cerha, dessen Werk es in Deutschland immer noch zu entdecken gilt, ab den 1940er Jahren intensiv beschäftigt und daraus mit dem „4 x 11 Lieder“ umfassenden Buch von der Minne einen umfangreichen Liederzyklus geschaffen. Musikalisch schließt Cerha dabei an ältere Formen an und meidet die „den Text nachzeichnende, illustrative Technik Wolf-Strauss’scher Prägung“, wie er sagt. Dies gilt für Du bist mein ebenso wie für Ihre Schönheit, das hab ich erkannt, eine Miniatur über die berauschende und zugleich gefährliche Wirkung von Schönheit.

In Carl Loewes Du Ring an meinem Finger aus dem Zyklus Frauenliebe von 1836 (Robert Schumann sollte die gleichen Texte von Chamisso vier Jahre später vertonen) entfaltet sich die kantable Gesangslinie in ruhigem, innigem Ton über einer schlichten Klavierbegleitung. Ein Ring am Finger – ein Verlobungsring – wird zum Symbol einer neuen Bestimmung: der Hingabe an den geliebten Menschen und eines als sinnvoll erkannten Lebens. „Loewes Lied spiegelt die Atmosphäre einer bestimmten Situation“, erklärt Zarrabi. „Mit anderen Werken wie den Kompositionen von Cerha oder Brahms’ Dein blaues Auge möchten wir eher Seelenzustände hörbar machen.“

***

Mozarts auf einem leichtherzigen Volksliedtext beruhende Warnung vor den Reizen schöner Mädchen spiegelt den moralisch-galanten Ton des Rokoko in einem kurzen Strophenlied. Weniger harmlos, wenn auch ebenso humorvoll gemeint, ist die Ariette Der Kuss, die Ludwig van Beethoven bereits 1798 entwarf, aber erst im Dezember 1822 fertigstellte: Einer Frau wird ohne ihr Einverständnis ein Kuss aufgezwungen, sie droht zu schreien, wird überwältigt – und schreit erst später… Was sich aus heutiger Sicht höchst problematisch liest (und potentiell strafrechtliche Folgen hätte), bleibt in Beethovens Vertonung, die mit einem „Kichern“ im Klavier die Pointe des letzten Verses unterstreicht, nichts weiter als die Darstellung eines leicht frivolen Liebesabenteuers, in der mit weiblicher Gegenwehr kokettiert wird.

Eine unheilvolle Verstrickung von Liebe und Tod schildert Franz Schuberts düstere Ballade Der Zwerg. Der Text von Matthäus von Collin erzählt von einem Zwerg, der eine verheiratete Königin liebt. Von ihr zurückgewiesen rächt er sich auf einer Schifffahrt, indem er sie erdrosselt. Die Königin akzeptiert auf rätselhaft-sehnsüchtige Weise ihr Los. Als sie dem Zwerg im Sterben verzeiht, scheint er von Reue erfüllt und lässt sich auf die offene See treiben. Das Geschehen ist von einer pervertierten Todeserotik begleitet: Selbst als der Leichnam schon im Meer versunken ist, ist das Herz des Zwergs noch „voll Verlangen“. Schubert vertonte Collins Gedicht kurz nach dessen Publikation – in jenem für ihn so schicksalhaften Jahr 1823, das mit der Diagnose seiner Syphiliserkrankung die Verbindung von Liebe und Tod drastisch deutlich machte.

***

Eine scharfe, manchmal unerbittliche Zuspitzung der Verbrechensthematik bringen die von Susan Zarrabi ausgewählten Songs und Kabarettlieder aus dem 20. Jahrhundert – das gilt auf inhaltlicher Ebene, aber auch in interpretatorischer Hinsicht: „Es ist wirklich eine Herausforderung, die unterschiedlichen Anforderungen der verschiedenen Genres unter einen Hut zu bringen“, bekennt die Mezzosopranistin. „Gleichzeitig genieße ich es, mich als Künstlerin in diesen verschiedenen Stilen auszutoben. Und ich mache dabei die Erfahrung, dass sich die diversen Herangehensweisen stimmlich gegenseitig befruchten können, das eine Repertoire vom anderen profitiert. Grenzen auszuloten und daran zu wachsen ist für mich ein großer Reiz an dieser musikalischen Reise, die ‚Tatort: Lied!‘ ja auch ist.“

In Kurt Weills und Bertolt Brechts 1930 uraufgeführter Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny wird „die bürgerliche Welt […] als schon abgestorbene im Moment des Grauens präsentiert und demoliert im Skandal“, schrieb Theodor W. Adorno. Genuss ohne Grenzen, Rausch bis zum Exzess – in Mahagonny ist alles erlaubt. Doch was als neues Paradies propagiert wird, entpuppt sich als Hölle, in der der Mensch selbst sich als die größte Bedrohung erweist. Moralische Werte und Ideale wie die Liebe haben in der Logik reinen Eigeninteresses alle Bedeutung verloren: So lautet die nüchterne und zutiefst zynische Botschaft des Songs Denn wie man sich bettet, so liegt man. Ein schonungsloses Bild menschlicher Schwäche in einer Welt, in der sich Kriminalität nur mehr in der äußeren Form von bürgerlicher Respektabilität unterscheidet, hatten die beiden Autoren bereits zwei Jahre zuvor in der Dreigroschenoper präsentiert. Die Ballade von der sexuellen Hörigkeit beschreibt Sexualität als eine zerstörerische Kraft, die jede Form von Vernunft, Moral und Selbstkontrolle untergräbt.

Musikalisch kombiniert Weill in seinen Songs Anklänge an populäre Idiome der Weimarer Zeit – Jazz, Music-Hall-Songs, Kabarett – mit einer einfachen, blockartigen Harmonik, prägnanter Rhythmik und eingängiger Melodik. Durch schräge, ja „falsch“ wirkende Klänge schafft er jene Verfremdungen, die für seinen Stil so typisch sind. In seinem distanzierten Tonfall positioniert er sich zusammen mit Brecht weder als Komplize der Figuren noch als deren Richter, sondern vielmehr als Ermittler mit scharfem Verstand. 

***

Mit den Gegensätzen zwischen leichter, fast sentimental wirkender Musik und düsteren, sozialkritischen Texten spielt auch der Komponist, Dirigent und Textdichter Friedrich Hollaender, eine der prägenden Gestalten des Berliner Kabaretts der Weimarer Republik. Die im Berliner Dialekt gehaltene Ballade Oh Mond aus dem 1921 entstandenen Zyklus Lieder eines armen Mädchens erzählt die Geschichte einer jungen Frau, das im Gespräch mit dem Mond in eine Todesfantasie hineingezogen wird und schließlich Selbstmord begeht.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten emigrierte Hollaender 1933 über Paris in die USA und machte in Hollywood eine zweite Karriere als Filmkomponist. Für Billy Wilders A Foreign Affair mit Marlene Dietrich entstand 1948 der Song Black Market, der in bitter-zynischem Ton das Leben im Schwarzmarkt-Milieu des zerstörten Nachkriegs-Berlin beschreibt: In einer Welt der Knappheit ist alles handelbar geworden – nicht nur Dinge, sondern auch Moral, Gefühle und Überzeugungen.

Mit überzeichneter Komik portraitiert Hollaender dagegen in Die Kleptomanin von 1931 die zwanghafte Neigung einer Frau zum Stehlen. Ein Delikt, das in Georg Kreislers Herberts blaue Augen eine Steigerung erfährt: Ein Einbruchsversuch wird entdeckt und endet für jenen Verbrecher, der den „blauen Augen“ seines Freundes blind vertraute, mit dem Tod.

Als Österreicher in Österreich verhasst, skandalisiert, boykottiert und zeitweilig sogar verboten, setzte der gebürtiger Wiener Kreisler mit seinem bissig-skurrilen, oft auch politkritischen Humor Maßstäbe. Seine Lieder rütteln bis heute auf. Bei vielen von ihnen bleibt einem das Lachen im Hals stecken, wie in dem lapidar als Frühlingslied betitelten Stück, das vom gemeinschaftlichen Tauben-Vergiften im Park erzählt…

Mit Kreisler und Hollaender endet ein musikalisch-literarisches Programm, das mehr ist als eine bloße Kriminalanthologie. Mit Musik und Texten aus drei Jahrhunderten bietet „Tatort: Lied!“ auch ein Panorama der Emotionen. „Die Grundgefühle der Menschen sind die gleichen wie vor hunderten von Jahren“, ist Susan Zarrabi überzeugt. „Ob ich Freude, Eifersucht oder Wut in einem Lied oder in einem Film vorgeführt bekomme, macht letztlich keinen Unterschied. Nur die Ausdrucksform ist eine andere, und im Idealfall schaffen wir es, mit beiden Formen Menschen anzusprechen und zu bewegen.“ Wichtig ist dabei vor allem eins: „Wir müssen wieder lernen zuzuhören – oder besser gesagt, genauer hinzuhören.“

 

Anne do Paço studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Germanistik in Berlin. Nach Engagements am Staatstheater Mainz, an der Deutschen Oper am Rhein und beim Wiener Staatsballett ist sie seit 2025 Dramaturgin an der Staatsoper Hannover. Sie veröffentlichte Aufsätze zur Musik- und Tanzgeschichte des 19. bis 21. Jahrhunderts und war als Autorin u.a. für die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, das Wiener Konzerthaus und die Opéra National de Paris tätig. 

Die Künstler:innen


Susan Zarrabi
Mezzosopran

Susan Zarrabi stammt aus München und absolvierte ihr Gesangsstudium bei Daniela Sindram an der Hochschule für Musik und Theater in ihrer Heimatstadt. Seit 2022 ist sie Ensemblemitglied an der Komischen Oper in Berlin, wo sie u.a. als Dorabella, Cherubino, Hänsel, Varvara in Katja Kabanowa und Nefertiti in Philip Glass’ Akhnaten zu erleben war. In der aktuellen Spielzeit übernimmt sie die Partien des Pagen in Salome, des Cyrus in Händels Belshazzar sowie der Sonjetka in Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk. Weitere Engagements führten sie an die Bayerische Staatsoper, die Semperoper Dresden, in die Elbphilharmonie in Hamburg, die Philharmonie Berlin und zu den Wiener Festwochen. Darüber hinaus hat sie sich insbesondere als Liedinterpretin einen Namen gemacht. Sie ist Preisträgerin der Wigmore Hall Song Competition 2022, war Stipendiatin der Liedakademie des Heidelberger Frühlings unter der Leitung von Thomas Hampson und trat u.a. beim Gustav Mahler Festival in Steinbach am Attersee und gemeinsam mit Hampson beim Mahler Forum für Musik und Gesellschaft in Klagenfurt auf. Im Pierre Boulez Saal war Susan Zarrabi u.a. mehrfach im Rahmen der Schubert-Woche zu hören und gestaltete im November 2023 zusammen mit dem Boulez Ensemble unter der Leitung von Oksana Lyniv die Uraufführung von Vladimir Genins Mono-Oper Alkestis.

März 2026


Gerold Huber
Klavier

Der gebürtige Straubinger Gerold Huber studierte Klavier bei Friedemann Berger an der Münchner Hochschule für Musik und Theater und besuchte außerdem die Liedklasse von Dietrich Fischer-Dieskau in Berlin. Er ist regelmäßiger Gast bei der Schubertiade Schwarzenberg-Hohenems, den Salzburger Festspielen, dem Schleswig-Holstein Musik Festival, den Münchner Opernfestspielen, den Schwetzinger SWR Festspielen und dem Rheingau Musik Festival. Außerdem trat er in der Kölner Philharmonie, der Alten Oper Frankfurt, im Konzerthaus und Musikverein Wien, dem Concertgebouw Amsterdam, der Londoner Wigmore Hall, im Lincoln Center und der Carnegie Hall in New York sowie in den Konzerthäusern in Essen, Dortmund und Baden-Baden auf. Bereits seit seiner Schulzeit bildet er ein festes Lied-Duo mit Christian Gerhaher; gemeinsam gewannen sie 1998 den Prix International Pro Musicis. Aus dieser engen künstlerischen Partnerschaft sind zahlreiche preisgekrönte Aufnahmen hervorgegangen, zuletzt u.a. eine Gesamteinspielung der Lieder Robert Schumanns und ein Album mit Liedern von Johannes Brahms. Darüber hinaus arbeitet Gerold Huber mit Künstler:innen wie Christiane Karg, Julia Kleiter, Christina Landshamer, Julian Prégardien, Günther Groissböck, Georg Zeppenfeld und Franz-Josef Selig zusammen. Solistisch widmet er sich vor allem Werken von Bach, Beethoven, Brahms und Schubert, außerdem gab er Konzerte als Kammermusikpartner des Artemis Quartetts und des Henschel Quartetts. Er leitet regelmäßig Meisterklassen, u.a. bei der Schubert-Woche im Pierre Boulez Saal, und ist Professor für Liedgestaltung an den Musikhochschulen in Würzburg und München.

März 2026


Ulrike Folkerts
Rezitation

Ulrike Folkerts wurde in Berlin geboren und erhielt ihre Schauspielausbildung an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover. Seit 1988 spielte sie in mehr als 80 Tatort-Folgen die Kommissarin Lena Odenthal und ist damit die dienstälteste Ermittlerin der Serie. Außerdem war sie in zahlreichen anderen Fernsehproduktionen zu sehen und arbeitete im Kino mit Regisseuren wie Ralf Huettner, Hannes Stöhr und Gregor Schnitzler zusammen. Bühnenengagements führten sie ans Nationaltheater Mannheim, an die Hamburger Kammerspiele, ans Landestheater Niederösterreich und zu den Salzburger Festspielen, wo sie 2005/06 in Christian Stückls Inszenierung von Hofmannsthals Jedermann die Rolle des Todes verkörperte. Sie ist Trägerin des Bundesverdienstkreuzes und wurde u.a. mit einem Bambi, dem Ehrenpreis des deutschen Fernsehkrimi-Festivals und dem Stern der Gewerkschaft der Polizei ausgezeichnet.

März 2026

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