Katharina Bäuml Schalmei und musikalische Leitung
Margaret Hunter Sopran

Birgit Bahr, Kohei Soda Altpommer
Annette Hils Bassdulzian, Flöte
Yosuke Kurihara Posaune
Mike Turnbull Schlagzeug
Daniel Seminara Laute
Martina Fiedler Orgel

Imogen Kogge Sprecherin

Werke von
Thoinot Arbeau
Jean Japart
Pierre Passereau
Antoine Busnoys
Adrian Le Roy
Claudin de Sermisy
Antoine de Févin
Guillaume Le Herteur

sowie traditionelle bretonische Chansons und Tänze

Gesprochene Texte in deutscher Sprache

Une Femme d’esprit
Das Leben der Anne de Bretagne (1477–1514)



Patronin der Künste und Wissenschaften

Thoinot Arbeau (1520–1595)
Triory de Bretagne

Bretonische Chanson / Jean Japart
(um 1450–nach 1500)

C’etait Anne de Bretagne / Il est de bonne heure né


Fern-Ehe mit Kaiser Maximilian I.
Pierre Passereau (1490–nach 1547)
Il est bel e bon

Antoine Busnoys (um 1430–1492)
Fortune espérée

Anonymus (16. Jahrhundert)
La Gamba (instrumental)


Heirat und Hofleben mit König Karl VIII.
Thoinot Arbeau
Belle qui tiens ma vie

Adrian Le Roy (um 1520–1598)
Si j’ayme ou non, je n’en dis rien


Anne und ihre Hofdamen
Claudin de Sermisy (um 1490–1562)
Jouissance vous donneray

Thoinot Arbeau
Basse Danse appellée Jouissance vous donneray (instrumental)

Antoine de Févin (um 1470?–1511/12)
Introitus aus der Missa Pro fidelibus defunctoris


Rückkehr in die Bretagne
Bretonische Chanson
Sainte-Anne, Ô bonne mère

Anonymus / Guillaume Le Herteur (fl. um 1530–49)
Basse Danse Aliot Nouvelle / Mirelaridon

 

Pause

 

Anne und der Buchdruck
Claudin de Sermisy
Tant que vivray

Anonymus
Il est de bonne heure né (um 1480)

Costanzo Festa (um 1480/90–nach 1540)
Qui dabit oculis nostris


Anne und der Tod
Pierre Moulu
Tant que vivray

Anonymus (1484–nach 1540)
Une jeune filette de noble coeur


Am Hofe Ludwigs XII.
Anonymus / Gilles Binchois (um 1400–1460?)
Basse Danse Mon Désir / Filles à marier

Jacques Arcadelt (1507–1568)
Margot labourez les vignes

Anonymus
Basse Danse La Brosse / Tourdion (instrumental)

Renaissance Woman
Bretonische Chanson / Guillaume Le Herteur
C’etait Anne de Bretagne / Mirelaridon

Une Femme d’esprit
Das Leben der Anne de Bretagne (1477–1514)



Patronin der Künste und Wissenschaften

Thoinot Arbeau (1520–1595)
Triory de Bretagne

Bretonische Chanson / Jean Japart
(um 1450–nach 1500)

C’etait Anne de Bretagne / Il est de bonne heure né


Fern-Ehe mit Kaiser Maximilian I.
Pierre Passereau (1490–nach 1547)
Il est bel e bon

Antoine Busnoys (um 1430–1492)
Fortune espérée

Anonymus (16. Jahrhundert)
La Gamba (instrumental)


Heirat und Hofleben mit König Karl VIII.
Thoinot Arbeau
Belle qui tiens ma vie

Adrian Le Roy (um 1520–1598)
Si j’ayme ou non, je n’en dis rien


Anne und ihre Hofdamen
Claudin de Sermisy (um 1490–1562)
Jouissance vous donneray

Thoinot Arbeau
Basse Danse appellée Jouissance vous donneray (instrumental)

Antoine de Févin (um 1470?–1511/12)
Introitus aus der Missa Pro fidelibus defunctoris


Rückkehr in die Bretagne
Bretonische Chanson
Sainte-Anne, Ô bonne mère

Anonymus / Guillaume Le Herteur (fl. um 1530–49)
Basse Danse Aliot Nouvelle / Mirelaridon

 

Pause

 

Anne und der Buchdruck
Claudin de Sermisy
Tant que vivray

Anonymus
Il est de bonne heure né (um 1480)

Costanzo Festa (um 1480/90–nach 1540)
Qui dabit oculis nostris


Anne und der Tod
Pierre Moulu
Tant que vivray

Anonymus (1484–nach 1540)
Une jeune filette de noble coeur


Am Hofe Ludwigs XII.
Anonymus / Gilles Binchois (um 1400–1460?)
Basse Danse Mon Désir / Filles à marier

Jacques Arcadelt (1507–1568)
Margot labourez les vignes

Anonymus
Basse Danse La Brosse / Tourdion (instrumental)

Renaissance Woman
Bretonische Chanson / Guillaume Le Herteur
C’etait Anne de Bretagne / Mirelaridon


Hofdichter und -sekretär Jean Marot überreicht Anne de Bretagne sein Buch Le Voyage de Gênes über den französischen Feldzug gegen Genua 1507, Miniatur von Jean Bourdichon (1510–20)
(Bibliothèque nationale de France)

Ihr Herz gehörte der Bretagne, diesem einstmals stolzen und unabhängigen Territorium im Nordwesten Frankreichs. Von hier stammte sie, hier wuchs sie auf und genoss hohe Popularität – Herzogin Anne de Bretagne. Nur 37 Jahre wurde sie alt, war mit drei hochrangigen Regenten verheiratet und wirkte an ihrem Hof als überragende Mäzenin der Künste.

Essay von Bernhard Schrammek

Une Femme d’esprit
Anne de Bretagne – Ihr Leben und ihre Zeit

Bernhard Schrammek


Ihr Herz gehörte der Bretagne, diesem einstmals stolzen und unabhängigen Territorium im Nordwesten Frankreichs. Von hier stammte sie, hier wuchs sie auf und genoss hohe Popularität – Herzogin Anne de Bretagne, die außerdem französische Königin wurde und die Eingliederung ihrer Heimat in die Zentralmacht Frankreich pragmatisch zu tolerieren wusste. Nur 37 Jahre wurde sie alt, war mit drei hochrangigen Regenten verheiratet und wirkte an ihrem Hof als überragende Mäzenin der Künste. Ihr Grab befindet sich in der Kathedrale Saint-Denis in Paris, ihr Herz jedoch – so hatte sie es testamentarisch festgelegt – ruht, eingeschlossenen in einer goldenen Kapsel, in Nantes, also in der Bretagne.

Herzogin und Königin

Dort wurde Anne im Januar 1477 als Tochter des Herzogs Franz II. geboren. Von Kindheit an erlebte sie hautnah das Ringen ihrer Heimat um Unabhängigkeit gegenüber dem übermächtigen französischen Zentralstaat. Blutige Auseinandersetzungen bestimmten den Alltag in diesen Jahren, mit Macht und Brutalität strebte der französische König Karl VIII. um Ausweitung seines Herrschaftsgebiets. Als Herzog Franz II. 1488 starb, übernahm Anne als Thronfolgerin im Alter von noch nicht einmal zwölf Jahren die Verantwortung für die Bretagne in diesem ungleichen Kampf. Hilfe erhofften sie und ihre Berater vom römisch-deutschen Kaiser Maximilian, mit dem Anne aus diesem Grund 1490 eine Ehe einging. Gesehen, geschweige denn berührt haben sich die Eheleute allerdings nie, denn die Heirat wurde in Abwesenheit des Kaisers begangen, der sich fern der Bretagne auf dem Schlachtfeld befand. Offiziell war Anne damit auch Erzherzogin von Österreich – doch es bestand ein entscheidender Formfehler: Der französische König hätte der Ehe zustimmen müssen, war aber gar nicht gefragt worden. Als Konsequenz ließ er seine Truppen nochmals in der Bretagne einmarschieren und nahm die Festung Nantes und die Residenz Rennes ein. Vom Kaiser kam keine Hilfe, so dass sich Anne auch an die Fernehe nicht mehr gebunden fühlte.

Um ein Blutvergießen unter ihren Landsleuten zu verhindern, ging sie Verhandlungen mit der französischen Seite ein und einigte sich nun mit dem 21-jährigen Karl VIII. auf eine Eheschließung, die die politische Allianz besiegeln sollte. Ein umfangreiches Vertragswerk wurde dafür angefertigt, das die Bretagne unter die Verwaltung der französischen Krone stellte. Die bestehenden Ehen von Anne (mit Kaiser Maximilian) und von Karl VIII. (ausgerechnet mit einer Tochter des Kaisers) wurden mit päpstlicher Autorität annulliert, wenn auch mit gewisser Verzögerung. Im Alter von knapp 15 Jahren war Anne also nun Königin von Frankreich und hatte ihren Landsleuten einen Friedensvertrag erhandelt.

Das junge Königspaar residierte in der Folge überwiegend auf Schloss Amboise an der Loire. Anne brachte in den folgenden Jahren sechs Kinder zur Welt, von denen allerdings kein einziges das Säuglings- bzw. Kindesalter überlebte. Und das Schicksal schlug noch härter zu: Im April 1498 starb Karl selbst durch einem Unfall im eigenen Schloss. 21-jährig stand Anne als Witwe ohne Nachkommen da. Der Ehevertrag sah in diesem Falle zwei Auswirkungen vor: Die Bretagne wurde wieder unter die Verwaltung Annes gestellt, die allerdings verpflichtet war, den nachfolgenden König zu heiraten.

Anne fügte sich diesen Vorschriften und ging 1499 ihre dritte Ehe mit dem neuen König Ludwig XII. ein, dem vormaligen Herzog von Orléans und Cousin seines Vorgängers. Auch hierzu musste wieder ein Bündnis annulliert werden, denn Ludwig war bereits verheiratet; der Borgia-Papst Alexander VI. regelte das routiniert. Zur Hauptresidenz des neuen Königspaares wurde das Schloss Blois erwählt, ebenfalls an der Loire gelegen. Fünf weitere Kinder brachte Anne bis 1512 zur Welt, die älteste Tochter Claude wiederum wurde später durch Heirat mit Franz I. gleichfalls Königin von Frankreich.

Die Zeit als Herrscherin war für Anne enorm kräftezehrend, nicht nur aufgrund der ständigen Schwangerschaften, sondern auch wegen zahlreicher Reisen und der Bewältigung politischer Krisen und weiterer Feldzüge, in die Frankreich verwickelt war. Im Winter 1513/14 erkrankte sie ernsthaft und erholte sich nicht mehr. Anne de Bretagne starb im Januar 1514 auf Schloss Blois.

Leidenschaft für Bildung und Kunst

Trotz ihres aufopferungsvollen und von politischen Entscheidungen geprägten Lebens war Anne eine leidenschaftliche Mäzenin von Kunst und Bildung. Insbesondere die Förderung von Frauen lag ihr am Herzen. Sowohl in Amboise wie in Blois versammelte sie eine große Zahl von Hofdamen – teils ledig, teils verheiratet – um sich und setzte sich für deren umfassende und gründliche Ausbildung ein, kam für sämtliche Ausgaben auf und arrangierte etliche Eheverbindungen. In einigen Fällen übernahm Anne – und damit der französische Hof – sogar die nicht unerheblichen Kosten für die Aussteuer.

Den Künsten stand Anne de Bretagne nicht nur aufgeschlossen gegenüber, sondern unterstützte Maler, Bildhauer, Dichter, Schriftsteller und Musiker nach Kräften. Insbesondere erwies sie sich als Förderin des Buchdrucks. Es passt hervorragend zum Bild dieser außerordentlichen Regentin, dass sie die noch junge Technologie als zukunftsweisend erkannte und mit persönlichem Einsatz zu Ansehen und Wirkung verhalf – so sorgte sie 1513 für ein Gesetz, das dem Buchdruck Zollfreiheit und Steuererleichterungen zusicherte.

Musik am Hof

Zum umfangreichen Hofleben Anne de Bretagnes gehörte selbstverständlich auch die Pflege von Musik. Gleich zwei Hofkapellen existierten in ihrem Umfeld: eine war dem König und eine ganz persönlich ihr, der Königin, zugeordnet. Zuständig waren diese Ensembles zum einen für die öffentliche Repräsentation der Regent:innen bei Gottesdiensten, Festlichkeiten und Empfängen, zum anderen aber auch für deren private Unterhaltung in der königlichen Kammer.

Einzelne Kompositionen der Amtszeit Annes zuzuordnen, ist aufgrund der musikalischen Quellenlage schwierig. Sicher überliefert sind lediglich der Klagegesang Fiere atropos mauldicte von Pierre Moulu und die Motette Quis dabit oculis nostris von Costanzo Festa, die beide anlässlich von Annes Tod entstanden. Anzunehmen ist aber, dass das Repertoire der Hofkapellen die Werke der wichtigsten französischen Komponisten des 15. und frühen 16. Jahrhunderts umfasste. Zu diesem Kreis zählen etwa Antoine de Fevin und Claudin de Sermisy, die beide selbst der königlichen Hofkapelle angehörten, aber auch Pierre de la Rue und Gilles Binchois, die lange im Dienst des burgundischen Hofes standen, und sicher auch der vorwiegend in Italien ansässige Komponist Jean Japart.

Neben der Musik war Tanz eine zentrale höfische Gepflogenheit. Einen wichtigen Anhaltspunkt für das Repertoire des frühen 16. Jahrhunderts lieferte Thoinot Arbeau mit seinem berühmten, 1588 veröffentlichten Tanzbuch, in das er viele wesentlich früher entstandene Tanzmelodien integrierte. Weitere Stücke des Programms der Capella de la Torre stammen von Claude Gervaise, einem offenbar in Paris ansässigen Gambisten. Schließlich vertrat Anne aber auch patriotisch die Belange der Bretagne – und so wird auch die bretonische Musik mit traditionellen Liedern an ihrem Hof eine wichtige Rolle gespielt haben.


Dr. Bernhard Schrammek, Jahrgang 1972, lebt als freiberuflicher Musikwissenschaftler und Autor in Berlin. Er moderiert Rundfunksendungen für rbb, MDR und Deutschlandfunk Kultur, schreibt Einführungstexte und entwirft Konzertprogramme. Seit 2023 ist er künstlerischer Leiter des Festivals SPAM – Spandau macht Alte Musik.

Une Femme d’esprit
Anne de Bretagne – Ihr Leben und ihre Zeit

Bernhard Schrammek


Ihr Herz gehörte der Bretagne, diesem einstmals stolzen und unabhängigen Territorium im Nordwesten Frankreichs. Von hier stammte sie, hier wuchs sie auf und genoss hohe Popularität – Herzogin Anne de Bretagne, die außerdem französische Königin wurde und die Eingliederung ihrer Heimat in die Zentralmacht Frankreich pragmatisch zu tolerieren wusste. Nur 37 Jahre wurde sie alt, war mit drei hochrangigen Regenten verheiratet und wirkte an ihrem Hof als überragende Mäzenin der Künste. Ihr Grab befindet sich in der Kathedrale Saint-Denis in Paris, ihr Herz jedoch – so hatte sie es testamentarisch festgelegt – ruht, eingeschlossenen in einer goldenen Kapsel, in Nantes, also in der Bretagne.

Herzogin und Königin

Dort wurde Anne im Januar 1477 als Tochter des Herzogs Franz II. geboren. Von Kindheit an erlebte sie hautnah das Ringen ihrer Heimat um Unabhängigkeit gegenüber dem übermächtigen französischen Zentralstaat. Blutige Auseinandersetzungen bestimmten den Alltag in diesen Jahren, mit Macht und Brutalität strebte der französische König Karl VIII. um Ausweitung seines Herrschaftsgebiets. Als Herzog Franz II. 1488 starb, übernahm Anne als Thronfolgerin im Alter von noch nicht einmal zwölf Jahren die Verantwortung für die Bretagne in diesem ungleichen Kampf. Hilfe erhofften sie und ihre Berater vom römisch-deutschen Kaiser Maximilian, mit dem Anne aus diesem Grund 1490 eine Ehe einging. Gesehen, geschweige denn berührt haben sich die Eheleute allerdings nie, denn die Heirat wurde in Abwesenheit des Kaisers begangen, der sich fern der Bretagne auf dem Schlachtfeld befand. Offiziell war Anne damit auch Erzherzogin von Österreich – doch es bestand ein entscheidender Formfehler: Der französische König hätte der Ehe zustimmen müssen, war aber gar nicht gefragt worden. Als Konsequenz ließ er seine Truppen nochmals in der Bretagne einmarschieren und nahm die Festung Nantes und die Residenz Rennes ein. Vom Kaiser kam keine Hilfe, so dass sich Anne auch an die Fernehe nicht mehr gebunden fühlte.

Um ein Blutvergießen unter ihren Landsleuten zu verhindern, ging sie Verhandlungen mit der französischen Seite ein und einigte sich nun mit dem 21-jährigen Karl VIII. auf eine Eheschließung, die die politische Allianz besiegeln sollte. Ein umfangreiches Vertragswerk wurde dafür angefertigt, das die Bretagne unter die Verwaltung der französischen Krone stellte. Die bestehenden Ehen von Anne (mit Kaiser Maximilian) und von Karl VIII. (ausgerechnet mit einer Tochter des Kaisers) wurden mit päpstlicher Autorität annulliert, wenn auch mit gewisser Verzögerung. Im Alter von knapp 15 Jahren war Anne also nun Königin von Frankreich und hatte ihren Landsleuten einen Friedensvertrag erhandelt.

Das junge Königspaar residierte in der Folge überwiegend auf Schloss Amboise an der Loire. Anne brachte in den folgenden Jahren sechs Kinder zur Welt, von denen allerdings kein einziges das Säuglings- bzw. Kindesalter überlebte. Und das Schicksal schlug noch härter zu: Im April 1498 starb Karl selbst durch einem Unfall im eigenen Schloss. 21-jährig stand Anne als Witwe ohne Nachkommen da. Der Ehevertrag sah in diesem Falle zwei Auswirkungen vor: Die Bretagne wurde wieder unter die Verwaltung Annes gestellt, die allerdings verpflichtet war, den nachfolgenden König zu heiraten.

Anne fügte sich diesen Vorschriften und ging 1499 ihre dritte Ehe mit dem neuen König Ludwig XII. ein, dem vormaligen Herzog von Orléans und Cousin seines Vorgängers. Auch hierzu musste wieder ein Bündnis annulliert werden, denn Ludwig war bereits verheiratet; der Borgia-Papst Alexander VI. regelte das routiniert. Zur Hauptresidenz des neuen Königspaares wurde das Schloss Blois erwählt, ebenfalls an der Loire gelegen. Fünf weitere Kinder brachte Anne bis 1512 zur Welt, die älteste Tochter Claude wiederum wurde später durch Heirat mit Franz I. gleichfalls Königin von Frankreich.

Die Zeit als Herrscherin war für Anne enorm kräftezehrend, nicht nur aufgrund der ständigen Schwangerschaften, sondern auch wegen zahlreicher Reisen und der Bewältigung politischer Krisen und weiterer Feldzüge, in die Frankreich verwickelt war. Im Winter 1513/14 erkrankte sie ernsthaft und erholte sich nicht mehr. Anne de Bretagne starb im Januar 1514 auf Schloss Blois.

Leidenschaft für Bildung und Kunst

Trotz ihres aufopferungsvollen und von politischen Entscheidungen geprägten Lebens war Anne eine leidenschaftliche Mäzenin von Kunst und Bildung. Insbesondere die Förderung von Frauen lag ihr am Herzen. Sowohl in Amboise wie in Blois versammelte sie eine große Zahl von Hofdamen – teils ledig, teils verheiratet – um sich und setzte sich für deren umfassende und gründliche Ausbildung ein, kam für sämtliche Ausgaben auf und arrangierte etliche Eheverbindungen. In einigen Fällen übernahm Anne – und damit der französische Hof – sogar die nicht unerheblichen Kosten für die Aussteuer.

Den Künsten stand Anne de Bretagne nicht nur aufgeschlossen gegenüber, sondern unterstützte Maler, Bildhauer, Dichter, Schriftsteller und Musiker nach Kräften. Insbesondere erwies sie sich als Förderin des Buchdrucks. Es passt hervorragend zum Bild dieser außerordentlichen Regentin, dass sie die noch junge Technologie als zukunftsweisend erkannte und mit persönlichem Einsatz zu Ansehen und Wirkung verhalf – so sorgte sie 1513 für ein Gesetz, das dem Buchdruck Zollfreiheit und Steuererleichterungen zusicherte.

Musik am Hof

Zum umfangreichen Hofleben Anne de Bretagnes gehörte selbstverständlich auch die Pflege von Musik. Gleich zwei Hofkapellen existierten in ihrem Umfeld: eine war dem König und eine ganz persönlich ihr, der Königin, zugeordnet. Zuständig waren diese Ensembles zum einen für die öffentliche Repräsentation der Regent:innen bei Gottesdiensten, Festlichkeiten und Empfängen, zum anderen aber auch für deren private Unterhaltung in der königlichen Kammer.

Einzelne Kompositionen der Amtszeit Annes zuzuordnen, ist aufgrund der musikalischen Quellenlage schwierig. Sicher überliefert sind lediglich der Klagegesang Fiere atropos mauldicte von Pierre Moulu und die Motette Quis dabit oculis nostris von Costanzo Festa, die beide anlässlich von Annes Tod entstanden. Anzunehmen ist aber, dass das Repertoire der Hofkapellen die Werke der wichtigsten französischen Komponisten des 15. und frühen 16. Jahrhunderts umfasste. Zu diesem Kreis zählen etwa Antoine de Fevin und Claudin de Sermisy, die beide selbst der königlichen Hofkapelle angehörten, aber auch Pierre de la Rue und Gilles Binchois, die lange im Dienst des burgundischen Hofes standen, und sicher auch der vorwiegend in Italien ansässige Komponist Jean Japart.

Neben der Musik war Tanz eine zentrale höfische Gepflogenheit. Einen wichtigen Anhaltspunkt für das Repertoire des frühen 16. Jahrhunderts lieferte Thoinot Arbeau mit seinem berühmten, 1588 veröffentlichten Tanzbuch, in das er viele wesentlich früher entstandene Tanzmelodien integrierte. Weitere Stücke des Programms der Capella de la Torre stammen von Claude Gervaise, einem offenbar in Paris ansässigen Gambisten. Schließlich vertrat Anne aber auch patriotisch die Belange der Bretagne – und so wird auch die bretonische Musik mit traditionellen Liedern an ihrem Hof eine wichtige Rolle gespielt haben.


Dr. Bernhard Schrammek, Jahrgang 1972, lebt als freiberuflicher Musikwissenschaftler und Autor in Berlin. Er moderiert Rundfunksendungen für rbb, MDR und Deutschlandfunk Kultur, schreibt Einführungstexte und entwirft Konzertprogramme. Seit 2023 ist er künstlerischer Leiter des Festivals SPAM – Spandau macht Alte Musik.

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Costanzo Festas Quis dabit oculis nostris entstand anlässlich von Anne de Bretagnes Tod 1514. Als wenige Jahre später Annes erster Ehemann, Kaiser Maximilian I., starb, übernahm der Komponist Ludwig Senfl Festas Trauermusik und setzte im Text den Namen Maximilians ein. Druck aus Nürnberg, 1538
(Bayerische Staatsbibliothek München)

Im Gespräch berichtet Katharina Bäuml über ihre Sicht auf Anne de Bretagne, die Inspiration zu diesem Programm und seine musikalischen Herausforderungen.

Musik als ferner Spiegel
Ein Gespräch mit Katharina Bäuml


Anne de Bretagne war eine für ihre Zeit ungewöhnliche Frau. Welches Bild machen Sie sich von ihr?
Mich hat an Anne fasziniert, dass ihre Rolle auch aus heutiger Sicht so klar definiert scheint. Nach allem, was wir wissen, war sie eine kluge und weitsichtige Regentin, die außerdem sehr an Bildung, Kultur und Musik interessiert war. Ich finde es bemerkenswert, dass gerade eine Frau aus dieser Zeit so eindrucksvolle Spuren hinterlassen hat. Wenn man allerdings ihre Familiengeschichte betrachtet, kann einen das schon traurig stimmen: Dreimal war sie mit berühmten Regenten verheiratet, hatte viele Schwangerschaften, verlor einen Großteil ihrer Kinder. All diese persönlichen Opfer musste Anne bringen, um die politischen Verhältnisse zu stabilisieren und Verantwortung für ihr Volk zu übernehmen. Als Frau hat sie damit nicht nur ihre berufliche, sondern auch ihre private Identität ganz in den Dienst der Staatsraison gestellt. Damit ist sie neben anderen Berühmtheiten wie Elizabeth I., Caterina de Medici oder Isabella von Kastilien eine der starken Frauen der frühen Neuzeit, über die es sich auch aus moderner Sicht besonders zu berichten lohnt.

Was lässt sich Konkretes über die Kultur an ihrem Hof sagen?
Die Quellenlage ist recht ergiebig, deshalb wissen wir eine ganze Menge über die kulturellen Gepflogenheiten an Annes Hof. Es war z.B. nicht ungewöhnlich, dass adlige Damen hier eine universelle Bildung erhielten, zu der auch musikalische Betätigung zählte. All das kam nicht zuletzt dem reichhaltigen kulturellen Leben zugute, das bald europaweit als Vorbild galt. Das schließt auch die Anfänge des Buchdrucks ein – Anne de Bretagne hat etwa den Erstdruck von Christine de Pizans Le Trésor de la cité des dames unterstützt.

Nach welchen Kriterien haben Sie das Programm für dieses Konzert zusammengestellt?
Mit der Capella de la Torre folgen wir seit Langem dem Prinzip der ideen- und lebensgeschichtlichen Programme. Wir haben bereits Isabella von Kastilien ein ganzes Album gewidmet. Wenn wir uns jetzt mit dem Leben und Wirken von Anne de Bretagne beschäftigen, steht dabei nicht die Chronologie oder eine reine Nacherzählung im Vordergrund, sondern eine künstlerische Perspektive. Wir möchten den dramaturgischen Bogen so spannen, dass in Kombination von Texten und ausgewählten Musikstücken die Fantasie angeregt und ein Epochenpanorama aufgespannt wird. Es geht darum, unseren heutigen Blick neu auf eine berühmte Frauenfigur zu richten und vielleicht auch Dinge zu entdecken, die zwischen den Zeilen stehen.

Nun spielt die Capella de la Torre in einer speziellen Besetzung mit vielen Blasinstrumenten. Inwiefern passt das auch zur Musik am Hofe Anne de Bretagnes?
Ich glaube, dass gerade die Klangfarben der Blasinstrumente als eine Art ferner Spiegel fungieren, in dem die Zeit der Renaissance sicht- und hörbar gemacht werden kann. Wenn das dann um Singstimmen, Laute, Orgel und Schlaginstrumente ergänzt wird, entsteht ein Klangpanorama, das die Epoche besonders plastisch wiedergibt und gleichzeitig die Signatur unserer eigenen Interpretationen der letzten 20 Jahre ist.

Vermutlich mussten für dieses Projekt viele Stücke für die Anforderungen des Ensembles bearbeitet werden. Wie gehen Sie dabei vor?
Ich versuche die Werke immer so zu bearbeiten, dass möglichst authentische Versionen entstehen, die für das Instrument und für die Stimme gut funktionieren, aber natürlich auch dem Grundgedanken des Originals gerecht werden. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass es sinnvoll ist, viel im Vorfeld auszuprobieren. Zum Beispiel kann man in einer polyphonen Komposition den Fokus mal nur auf eine oder zwei ausgewählte Stimmen legen und dann wieder auf die gesamte Vielstimmigkeit, oder man wechselt zwischen vokalen und instrumentalen Passagen. Das versuche ich dann der Dramaturgie des Programms anzupassen, natürlich auch, um den Menschen im Publikum möglichst viele Kontraste zu präsentieren.

Haben Sie Lieblingsstücke in diesem Programm?
Besonders gefällt mir, dass eine Herrscherin auch die eher unbekannte Musik eines bestimmten Landstriches, der Bretagne, zu verkörpern scheint – nicht zuletzt deshalb, weil die Bombarde, ein Instrument, auf dem heute noch traditionelle bretonische Musik gespielt wird, eine Verwandte meines eigenen Instruments, der Schalmei, ist. Auch deswegen passt unser Instrumentarium gut zu dieser Region. Eine solche regionale Farbe im Kontext der europäischen Musik der Renaissance aufleuchten zu lassen, finde ich besonders reizvoll. Das ist auf jeden Fall eine Besonderheit des heutigen Abends.


Die Fragen stellte Bernhard Schrammek.

Musik als ferner Spiegel
Ein Gespräch mit Katharina Bäuml


Anne de Bretagne war eine für ihre Zeit ungewöhnliche Frau. Welches Bild machen Sie sich von ihr?
Mich hat an Anne fasziniert, dass ihre Rolle auch aus heutiger Sicht so klar definiert scheint. Nach allem, was wir wissen, war sie eine kluge und weitsichtige Regentin, die außerdem sehr an Bildung, Kultur und Musik interessiert war. Ich finde es bemerkenswert, dass gerade eine Frau aus dieser Zeit so eindrucksvolle Spuren hinterlassen hat. Wenn man allerdings ihre Familiengeschichte betrachtet, kann einen das schon traurig stimmen: Dreimal war sie mit berühmten Regenten verheiratet, hatte viele Schwangerschaften, verlor einen Großteil ihrer Kinder. All diese persönlichen Opfer musste Anne bringen, um die politischen Verhältnisse zu stabilisieren und Verantwortung für ihr Volk zu übernehmen. Als Frau hat sie damit nicht nur ihre berufliche, sondern auch ihre private Identität ganz in den Dienst der Staatsraison gestellt. Damit ist sie neben anderen Berühmtheiten wie Elizabeth I., Caterina de Medici oder Isabella von Kastilien eine der starken Frauen der frühen Neuzeit, über die es sich auch aus moderner Sicht besonders zu berichten lohnt.

Was lässt sich Konkretes über die Kultur an ihrem Hof sagen?
Die Quellenlage ist recht ergiebig, deshalb wissen wir eine ganze Menge über die kulturellen Gepflogenheiten an Annes Hof. Es war z.B. nicht ungewöhnlich, dass adlige Damen hier eine universelle Bildung erhielten, zu der auch musikalische Betätigung zählte. All das kam nicht zuletzt dem reichhaltigen kulturellen Leben zugute, das bald europaweit als Vorbild galt. Das schließt auch die Anfänge des Buchdrucks ein – Anne de Bretagne hat etwa den Erstdruck von Christine de Pizans Le Trésor de la cité des dames unterstützt.

Nach welchen Kriterien haben Sie das Programm für dieses Konzert zusammengestellt?
Mit der Capella de la Torre folgen wir seit Langem dem Prinzip der ideen- und lebensgeschichtlichen Programme. Wir haben bereits Isabella von Kastilien ein ganzes Album gewidmet. Wenn wir uns jetzt mit dem Leben und Wirken von Anne de Bretagne beschäftigen, steht dabei nicht die Chronologie oder eine reine Nacherzählung im Vordergrund, sondern eine künstlerische Perspektive. Wir möchten den dramaturgischen Bogen so spannen, dass in Kombination von Texten und ausgewählten Musikstücken die Fantasie angeregt und ein Epochenpanorama aufgespannt wird. Es geht darum, unseren heutigen Blick neu auf eine berühmte Frauenfigur zu richten und vielleicht auch Dinge zu entdecken, die zwischen den Zeilen stehen.

Nun spielt die Capella de la Torre in einer speziellen Besetzung mit vielen Blasinstrumenten. Inwiefern passt das auch zur Musik am Hofe Anne de Bretagnes?
Ich glaube, dass gerade die Klangfarben der Blasinstrumente als eine Art ferner Spiegel fungieren, in dem die Zeit der Renaissance sicht- und hörbar gemacht werden kann. Wenn das dann um Singstimmen, Laute, Orgel und Schlaginstrumente ergänzt wird, entsteht ein Klangpanorama, das die Epoche besonders plastisch wiedergibt und gleichzeitig die Signatur unserer eigenen Interpretationen der letzten 20 Jahre ist.

Vermutlich mussten für dieses Projekt viele Stücke für die Anforderungen des Ensembles bearbeitet werden. Wie gehen Sie dabei vor?
Ich versuche die Werke immer so zu bearbeiten, dass möglichst authentische Versionen entstehen, die für das Instrument und für die Stimme gut funktionieren, aber natürlich auch dem Grundgedanken des Originals gerecht werden. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass es sinnvoll ist, viel im Vorfeld auszuprobieren. Zum Beispiel kann man in einer polyphonen Komposition den Fokus mal nur auf eine oder zwei ausgewählte Stimmen legen und dann wieder auf die gesamte Vielstimmigkeit, oder man wechselt zwischen vokalen und instrumentalen Passagen. Das versuche ich dann der Dramaturgie des Programms anzupassen, natürlich auch, um den Menschen im Publikum möglichst viele Kontraste zu präsentieren.

Haben Sie Lieblingsstücke in diesem Programm?
Besonders gefällt mir, dass eine Herrscherin auch die eher unbekannte Musik eines bestimmten Landstriches, der Bretagne, zu verkörpern scheint – nicht zuletzt deshalb, weil die Bombarde, ein Instrument, auf dem heute noch traditionelle bretonische Musik gespielt wird, eine Verwandte meines eigenen Instruments, der Schalmei, ist. Auch deswegen passt unser Instrumentarium gut zu dieser Region. Eine solche regionale Farbe im Kontext der europäischen Musik der Renaissance aufleuchten zu lassen, finde ich besonders reizvoll. Das ist auf jeden Fall eine Besonderheit des heutigen Abends.


Die Fragen stellte Bernhard Schrammek.

Die Künstler:innen


Katharina Bäuml
Schalmei und musikalische Leitung

Die gebürtige Münchnerin Katharina Bäuml studierte zunächst moderne Oboe und spezialisierte sich später an der Schola Cantorum Basiliensis auf Barockoboe und historische Rohrblattinstrumente. Ihr besonderes Interesse gilt der Bläsermusik des 14. bis 17. Jahrhunderts. Außerdem widmet sie sich auch der zeitgenössischen Musik und brachte im Duo Mixtura mit der Akkordeonistin Margit Kern zahlreiche neue Werke u.a. beim Berliner Festival Ultraschall zur Aufführung. Neben ihrer Arbeit mit der Capella de la Torre ist Katharina Bäuml auch künstlerische Leiterin der Konzertreihen „Musica Ahuse“ im bayerischen Auhausen und „Renaissancemusik an Elbe und Weser“ in Niedersachen sowie des Festivals Sounding Collections in Berlin. Seit 2020 verantwortet sie die Internetplattform Studio4Culture, auf der regelmäßig neue interaktive Konzertformate und Bildungsangebote entstehen.

Dezember 2025


Capella de la Torre

Das 2005 von der Oboistin und Schalmeispezialistin Katharina Bäuml gegründete Ensemble zählt zu den führenden Formationen für die Interpretation von Bläsermusik der frühen Neuzeit. Der Name „de la Torre“ bezieht sich dabei gleichermaßen auf den spanischen Komponisten des 14. Jahrhunderts Francisco de la Torre wie auch die damals übliche Aufführungspraxis von Bläsermusik auf Türmen und Balkonen. Durch die Arbeit mit Quellen und Originaltexten finden immer wieder aktuelle historische und musikwissenschaftliche Erkenntnisse Eingang in die Programme des Ensembles, das sich in zahlreichen Vermittlungsprojekten auch intensiv an ein junges Publikum wendet. Für ihre mehr als 30 Einspielungen wurde die Capella de la Torre mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter 2016 der ECHO Klassik in der Kategorie „Ensemble des Jahres“ sowie zuletzt der OPUS Klassik 2023 für das Album Monteverdi: Memories.

Dezember 2025

Veranstaltungsdetails & Karten Print Program