Kunal Lahiry Klavier und Konzept
Rubén Nsue Tanz
Nadia Marcus Dichtung
Emilio Cordero Checa Licht und Ton
Troels Primdahl Szenische Einrichtung
Co-Produktion mit
trauma.art
Programm
Musik von
Ludwig van Beethoven
Claude Debussy
Alexander Skrjabin
Maurice Ravel
György Ligeti
Luciano Berio
George Crumb
Helmut Lachenmann
Philip Glass
Radiohead
Alexander Skrjabin (1872–1915)
aus der Sonate Nr. 4 Fis-Dur op. 40 (1903)
I. Andante
György Ligeti (1923–2006)
L’Escalier du diable
aus Études (1985–2001)
George Crumb (1929–2022)
Primeval Sounds (Genesis I)
aus Makrokosmos I (1972)
Luciano Berio (1925–2003)
Wasserklavier (1965)
Philip Glass (*1937)
Etüde Nr. 9 (1994)
Maurice Ravel (1875–1937)
Une barque sur l’océan
aus Miroirs (1905)
Claude Debussy (1862–1918)
L’Isle joyeuse (1903–04)
Helmut Lachenmann (*1935)
Guero (Studie für Klavier) (1970/88)
Radiohead
Karma Police (1997)
Bearbeitung für Klavier von Christopher O’Riley
Ludwig van Beethoven (1770–1827)
aus der Sonate As-Dur op. 110 (1821–22)
III. Adagio ma non troppo – Fuga. Allegro, ma non troppo
Keine Pause
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© Yael BC
Einen neuen Weg finden
Wer Kunal Lahiry kennt, weiß, dass er als Musiker gerne Programme entwickelt, die „die gegenwärtige Gesellschaft ansprechen“, wie er selbst sagt. Der heutige Abend bildet da keine Ausnahme: Er ist das Ergebnis jahrelangen Nachdenkens, Planens und Experimentierens.
Essay von Katy Hamilton
Einen neuen Weg finden
Kunal Lahirys Journey to Softness
Katy Hamilton
Wer Kunal Lahiry kennt, weiß, dass er als Musiker gerne Programme entwickelt, die „die gegenwärtige Gesellschaft ansprechen“, wie er selbst sagt. Der heutige Abend bildet da keine Ausnahme: Er ist das Ergebnis jahrelangen Nachdenkens, Planens und Experimentierens. Nach den jüngsten gewalttätigen Ereignissen im Nahen Osten stellte Lahiry sich die Frage, „wie ich selbst politisch, als Mensch und als Künstler in dieses Bild passe. Ich dachte über unsere Unfähigkeit nach, einen Schritt zurückzutreten. Dass wir begreifen, was wir getan haben, unsere Fehler zugeben und die Situation aktiv klären, geschieht besonders im politischen und patriarchalen Umfeld viel zu selten.“ Und er fügt hinzu: „Trotz meines nur begrenzten politischen Verständnisses war ich ziemlich sicher, dass wir heute nicht da wären, wo wir sind, wenn diese (meist) Männer an der Macht in der Lage wären, ihre Gier und ihre Rechthaberei zu zügeln; wenn wir nur eine gewisse Sanftmut walten lassen könnten, anstatt ständig zurückzuschlagen und immer noch eins draufzulegen.“ Das brachte ihn auf die Idee, ein Projekt zu entwickeln, das auch ein Aufruf zum Handeln sein könnte: eine Möglichkeit, sein Publikum durch Musik, Sounddesign, Tanz und das gesprochene Wort auf diese Reise mitzunehmen. Die heutige Aufführung findet in Zusammenarbeit mit TRAUMA statt, einer multidisziplinären Kulturorganisation, die sich, in den Worten ihrer Gründer:innen, als „Zufluchtsort und Verstärker für Verfahren, die sich der Vereinnahmung widersetzen“ versteht.
Journey to Softness ist also nicht einfach ein pianistischer Soloabend: Es ist ein multidisziplinäres Programm, bei dem außer Lahiry am Klavier auch der Tänzer Rubén Nsue, die Dichterin Nadia Marcus und der Sounddesigner Emilio Cordero Checa mitwirken. Die räumliche Situation im Pierre Boulez Saal, die die traditionelle Trennung zwischen Publikum und Künstler:innen aufhebt und alle in die Aufführung einbezieht, ist ebenfalls von entscheidender Bedeutung. Zu behaupten, es gebe dabei viele Bestandteile, ist eine Untertreibung. „Es war eine lange Reise bis zu dieser Reise“, sagt der Pianist lachend.
***
Sie beginnt mit Musik von Alexander Skrjabin. Die 1903 entstandene Vierte Klaviersonate war für den 31-jährigen Komponisten ein bahnbrechendes Werk, ein Schritt in ein neues musikalisches Universum, das sich in zwei ausgedehnten Sätzen entfaltet. Lahiry spielt den ersten davon, dessen schimmernde Harmonien von Wagners Tristan und Isolde inspiriert sind. Skrjabin schrieb als Beigabe zu diesem Stück sogar ein Gedicht, einen Lobgesang auf einen fernen Stern. „In lichtem Nebel, klarem Dunst, weit weg und dennoch klar und deutlich, funkelt sanft ein Stern“, beginnt es. „Oh, könnte ich dir näher kommen, ferner Stern! Um mich in deinen zitternden Strahlen zu baden, süßes Licht! …“ Der Schluss dieses Satzes entlässt uns mit der Verheißung von Erlösung und Ekstase, die im darauffolgenden zweiten Satz zu erleben wäre. Heute Abend aber geleiten uns die sanft lockenden, offenen Schlusstakte direkt in das Werk, das Lahiry als „die erste große Säule des Programms“ bezeichnet. Gemeint ist György Ligetis wildes L’Escalier du diable aus seinem zweiten, 1994 abgeschlossenen Band der Études. Es ist ein ungeheures Stück, eine sich musikalisch immer weiter windende Treppe, die sich in einer Reihe von zunehmend schwindelerregenden Fraktalen bewegt wie das klangliche Gegenstück zu einer Zeichnung von M. C. Escher.
Mit dieser dämonischen Treppe verbindet Lahiry eine bestimmte Assoziation. „Es ist ein patriararchaler Aufstieg ins Nirgendwo. Wir spüren eine Art Druck, immer weiter hinaufzusteigen, ohne jemals wirklich darüber nachzudenken, wohin wir eigentlich gehen, wie wir dorthin gelangen und zu welchem Preis. Und dabei verschließen wir uns der Komplexität unseres Inneren, die uns die Dinge viel weniger schwarz-weiß, dafür aber umso menschlicher sehen lassen würde.“ Über mehr als fünf albtraumhafte Minuten hinweg werden wir weiter und weiter die Treppe hinaufgetrieben. Wenn die Musik schließlich aufhört (und sie hört tatsächlich ohne Auflösung einfach auf), sind wir wie benommen, in einem musikalischen Schockzustand. Aus Ligetis verklingendem Cluster am Schluss des Stücks geht schließlich das gutturale Knurren und Grollen von George Crumbs Primeval Sounds hervor, bei dem die Saiten des Klaviers mit bloßen Fingern gezupft und durch Metallketten zischend zum Klingen gebracht werden. Es ist eine düstere, geheimnisvolle Klangwelt. Und aus ihren unheilvollen Tiefen taucht der Tänzer Rubén Nsue auf.
Mit Luciano Berios Wasserklavier, einer 1965 entstandenen wunderbaren Miniatur, kehrt eine melancholische, nostalgische Stimmung ein. Die Musik ist voller Reminiszenzen an Schubert und Brahms und entspringt Berios Suche nach Möglichkeiten des musikalischen „Erinnerns“, die vier Jahre später schließlich in seiner berühmten Sinfonia mündete. Wie der Titel bereits andeutet, verweist das Stück zudem auf das sanfte Plätschern von Wasser – ein Element, das das Programm im Laufe des Abends mehr und mehr dominieren wird. Auf Berios zarte Komposition folgt Philip Glass’ Étude Nr. 9, die mit ihren pulsierenden Akkorden und drängenden Oktaven neue Energie bringt. Wo uns Ligetis L’Escalier immer weiter nach oben drängte, sorgt Glass’ Werk für eine Bewegung nach außen und versetzt uns an einen neuen Ort. Und dort kommt die dritte Protagonistin hinzu, die Dichterin Nadia Marcus.
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Die Befreiung von der sich endlos windenden Treppe ist das Eine, deren endgültige Zerstörung etwas ganz Anderes. Lahiry betont, dass das Einzige, was ein so grimmiges Gebilde zum Einsturz bringen könne, die mächtigste der Naturgewalten sei: das Wasser. Und auch das Wasser hat eine besondere Eigenschaft: Es weigert sich, starr oder gleichförmig zu sein. Damit kann sich die Fantasie frei über die Meere treiben lassen. Ravels Une Barque sur l’océan ist ein einziger Wirbel aus Wasser, von sanft plätschernden Wellen bis hin zu hoch aufschäumender Brandung, während das Sonnenlicht Regenbogen über den Ozean malt. Darauf folgt Debussys funkelndes und verführerisches L’Isle joyeuse. „Hier findet man Masken aus der Comédie italienne“, schrieb der Komponist, „tanzende und singende junge Frauen, und alles endet im Schein der untergehenden Sonne.“ Auf die Frage, wo sich dieser magische Ort befinde, erwiderte er jedoch nur, Titel und Handlung seien „reine Fantasie. Wobei ich allerdings sagen muss, dass ich nicht genügend Finger habe, um das Stück zu spielen.“ Ironischerweise hatte Ligeti geplant, sein zweites Buch der Études mit einem Stück in der Art von L’Isle Joyeuse zu beenden. Doch als er sich dann an einen abgelegenen Ort an der kalifornischen Küste zurückzog, um sein Projekt zum Abschluss zu bringen, fand er sich plötzlich inmitten eines heftigen Wintersturms wieder. Schlammlawinen zerstörten Hunderte von Häusern, und es war unmöglich, überhaupt ins Freie zu gehen. „Das Inselparadies verwandelte sich in diese Etüde L’Escalier du diable“, erklärte er, „ein ganz und gar schwarzes Stück.“
Wo sind wir also angelangt, wenn L’Isle joyeuse seinen rauschhaften Abschluss erreicht? So bestechend die ausgelaseene Vision dieses Stücks auch ist, so handelt es sich doch, wie Debussy selbst sagt, um nichts als reine Fantasie. Um wahre Zufriedenheit zu erlangen, die über einen Augenblick des ungezügelten Hedonismus hinausgeht, braucht es noch etwas anderes. Der Abstieg aus dieser schwelgerischen Flucht vollzieht sich im Knirschen und Dröhnen von Helmut Lachenmanns Guero, einem bemerkenswerten kurzen Stück, in dem das Innere des Klaviers so bespielt wird, dass es den perkussiven Klang des geschrapten Instruments erzeugt, das dem Stück seinen Namen gibt.
Erinnerungen an glückliche Augenblicke, so illusorisch sie auch gewesen sein mögen, lassen sich nur schwer abschütteln. Karma Police von Radiohead (arrangiert von dem amerikanischen Pianisten Christopher O’Riley) erinnert uns an die Glückseligkeit, die wir gefunden zu haben glaubten. „Doch sie ist zu schön“, sagt Lahiry, „sie ist etwas nur scheinbar Positives. Wir können in dieser Erinnerung nicht leben, denn sie ist nur eine Form von nostalgischer Sentementalität.“ Der Song fließt wehmütig dahin und beschwört eine perfekt erscheinende Gemeinschaft herauf – zumindest theoretisch, denn die letzten Zeilen deuten auf einen Traum hin, aus dem wir noch nicht vollständig erwacht sind: „Einen Augenblick lang hätte ich mich dort fast verloren.“
Nur der Tod des Selbst und seine Befreiung ermöglichen echten Fortschritt: die Chance auf einen ganzen Chor von Stimmen und Raum für die Graubereiche (in all ihren Schattierungen) zwischen den erdrückenden Schwarz-Weiß-Dualismen. So Lahiry leitet über zum Adagio und der Fuge aus Beethovens vorletzter Klaviersonate As-Dur. Der Satz beginnt mit der Andeutung einer zurückliegenden Katastrophe, doch dieser Eindruck verkehrt sich allmählich ins Gegenteil: Die anmutige, getragene Arie deutet hier und da auf glücklichere Zeiten hin, bevor uns die Fuge schließlich an einen Ort der Freude führt. Das erneute Erscheinen der wehmütigen Arie dient nur dazu, die Fuge im folgenden noch kunstvoller und ausgelassener zu gestalten. Die seit Ewigkeiten bestehende Treppe ist endlich umgestürzt, und wir erreichen einen vielstimmigen Ort: „die Vielfalt, die uns zu Menschen macht“.
Was also hoffen Lahiry und seine Künstlerkolleg:innen dem Publikum mitgeben zu können? „Ich wünsche mir“, sagt der Pianist, „dass sich jede:r in einem von uns dreien – in mir, Rubén oder Nadia – wiedererkennt und mit verschiedenen Dingen identifizieren kann. Vielleicht denken die Leute darüber nach, woher sie gekommen sind, um genau hierher zu gelangen – was in der heutigen Welt an sich schon eine große Leistung ist – und wie viel weiter sie noch gehen können. Und ich hoffe, dass sie sich sagen: ‚Ich hätte nie gedacht, dass klassische Musik so klingen – oder so aussehen – kann.‘“
Katy Hamilton schreibt und spricht über Musik mit Schwerpunkt auf dem deutschen Repertoire des 19. Jahrhunderts. Sie hat Beiträge zur Musik von Brahms und zum britischen Konzertleben des 20. Jahrhunderts veröffentlicht und hält Vorträge und Einführungen bei Konzerten und Festivals in Großbritannien, Europa und bei der BBC.
Die Künstler:innen

Kunal Lahiry
Klavier
Kunal Lahiry war BBC New Generation Artist und ist für seinen kreativen Zugang zu klassischen Konzertformaten bekannt. Seine künstlerische Arbeit verbindet das traditionelle Repertoire mit zeitgenössischen Auftragswerken und interdisziplinären Kollaborationen, die durch Musik aktuelle gesellschaftliche Themen beleuchten. In jüngerer Vergangenheit gastierte er u.a. an der Wigmore Hall, der Elbphilharmonie, der Carnegie Hall und beim Festival d’Aix-en-Provence. Zurzeit entwickelt er das Projekt transWinterreise*, das Franz Schuberts Liederzyklus im Sinne eines zeitgenössischen Blicks auf queere Identität neu interpretiert. Im Pierre Boulez Saal war der Absolvent der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin mehrfach im Rahmen der Schubert-Woche zu Gast und zuletzt im Mai 2025 zusammen mit der Mezzosopranistin Fleur Barron zu erleben.
April 2026

Rubén Nsue
Tanz
Rubén Nsue wurde in Madrid geboren und lebt in Berlin. Als ausübender Künstler und Choreograf verbindet seine dynamische Bewegungssprache präzise zeitgenössische Tanztechniken mit starkem narrativem Ausdruck. Seit 2016 entwickelt er seine eigene Bewegungsforschungspraxis Groove Decomposition, die die Beziehung zwischen verkörpertem Impuls, Rhythmus und kultureller Erinnerung untersucht. Seine Arbeit betont somatische Intelligenz und verkörperte Autorschaft, indem sie am Ursprung der Bewegung vor ihrer sozialen Konditionierung ansetzt. Als Gründungsmitglied der KDV Performance Group und Gründer von Lokomamia hat er europaweit mit Institutionen wie der Sächsischen Staatsoper Dresden und der Grupo Oito Dance Company zusammengearbeitet.
April 2026

Nadia Marcus
Dichtung
Nadia Marcus ist Lyrikerin, Designerin, DJane und Mitherausgeberin des in Berlin ansässigen Verlags und Medienlabels TABLOID Press. In ihrem interdisziplinären Schaffen beschäftigt sie sich mit den Schnittstellen von Erinnerung, Architektur und Identität mittels Text, bildender Kunst und Klang. Mit Lesungen und Performances war sie u.a. im KW Institute for Contemporary Art, der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, dem Haus am Waldsee und der Ny Carlsberg Glyptotek zu Gast. In den letzten Jahren hat sie zudem visuelle Arbeiten u.a. im Kunstverein München und der Galerie Felix Gaudlitz in Wien ausgestellt. Sie ist regelmäßig im Berliner Community-Radio Refuge Worldwide zu hören und ist Resident DJ von subglow.
April 2026

Emilio Cordero Checa
Licht und Ton
Emilio Cordero Checa ist ein in Berlin lebender Lichtdesigner, Klangkünstler und technischer Leiter, der sich auf die Realisierung von Licht- und Klanginstallationen und interdisziplinären Projekten in verschiedenen darstellenden Künsten spezialisiert hat. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht die Interaktion zwischen Live-Aufführung und neuen Technologien, wobei er Licht und Ton einsetzt, um Technik und menschliche Interaktion auf der Bühne miteinander zu verschmelzen. Seine Werke waren weltweit in Theatern und auf Festivals in Europa und Amerika zu sehen. Er hat mit international renommierten Institutionen wie der Philharmonie Berlin, der Berlinale und der Fête des lumières zusammengearbeitet. Außerdem ist er Co-Produzent und Lichtdesigner für Culiner Creative Circle, eine Institution, die audiovisuelle Inhalte im Bereich der klassischen Musik produziert.
April 2026

Troels Primdahl
Szenische EInrichtung
Troels Primdahl ist Regisseur, Choreograf und Produzent, dessen Arbeit sich im Spannungsfeld zwischen zeitgenössischer Bühnenkunst und visueller Kultur bewegt. Seit 2010 hat er einen Weg eingeschlagen, der sich vom konventionellen Theater entfernt und die Bühne durch Interventionen in unkonventionellen architektonischen Umgebungen neu interpretiert – von stillgelegten Bunkern und Militärflugplätzen bis hin zu renommierten Institutionen und Festivals. Er absolvierte ein Studium im Fach Aesthetics and Culture an der Universität von Aarhus. Seine Arbeit zeichnet sich durch eine ausgeprägte visuelle Klarheit gepaart mit existenzieller Unruhe aus. Sein vielseitiges Schaffen umfasst Tanz, Oper, Film und Mode und ist oft von einer ortsspezifischen Neugierde getrieben. Seit 2018 ist Primdahl künstlerischer Leiter der multidisziplinären Plattform TRAUMA.
April 2026