Ibrahim Alshaikh Klarinette
Michael Barenboim Violine
Hisham Khoury Violine
Katia Abdel Kader Viola
Genwa Khazen Violoncello
Fadwa Qamhia Kontrabass
Programm
Salvador Arnita
Andante meditativo für Streicher
Wolfgang Amadeus Mozart
Klarinettenquintett A-Dur KV 581
Giovanni Bottesini
Streichquintett c-moll „Gran Quintetto“
Kareem Roustom
Palestinian Songs & Dances
für Klarinette und Streichquartett
Salvador Arnita (1914–1984)
Andante meditativo für Streicher
Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791)
Klarinettenquintett A-Dur KV 581 (1789)
I. Allegro
II. Larghetto
III. Menuetto – Trio I – Trio II
IV. Allegretto con variazioni
Pause
Giovanni Bottesini (1821–1889)
Streichquintett c-moll „Gran Quintetto“ (1850?)
I. Allegro moderato
II. Scherzo. Allegro ma non troppo – Trio
III. Adagio
IV. Finale. Allegro con brio
Kareem Roustom (*1971)
Palestinian Songs & Dances
für Klarinette und Streichquartett (2024)
I. Oh, You on the Mountain
II. Blessed Are Your Wedding Garments
III. Dance of the Mijwiz
IV. Three Village Wedding Songs:
1. The Chiming Bracelet –
2. Register the Bride’s Name, Oh Judge –
3. God Bless the Henna Painter

Kareem Roustom nach der Uraufführung seines Violinkonzerts mit dem Boulez Ensemble und Michael Barenboim im Pierre Boulez Saal im März 2019 (© Peter Adamik)
Kulturelle Gegenströmungen
Seit Menschengedenken bildet das historische Palästina eine kulturelle Schnittstelle, eine Spannungslinie, an der östliche und westliche Zivilisationen und Religionen aufeinandertreffen, sich vermischen und in Konflikt geraten. Als geografische Region wie als erträumte Heimat bedeutet es für jeden der vier Komponisten, deren Werke heute Abend erklingen, etwas anderes.
Essay von Harry Haskell
Kulturelle Gegenströmungen
Musik von Mozart, Bottesini, Arnita und Roustom
Harry Haskell
Seit Menschengedenken bildet das historische Palästina eine kulturelle Schnittstelle, eine Spannungslinie, an der östliche und westliche Zivilisationen und Religionen aufeinandertreffen, sich vermischen und in Konflikt geraten. Als geografische Region wie als erträumte Heimat bedeutet es für jeden der vier Komponisten, deren Werke heute Abend erklingen, etwas anderes. Zu Mozarts Zeit, im 18. Jahrhundert, war Palästina ein „exotischer“ Außenposten des Osmanischen Reiches, für den sich in Europa kaum jemand interessierte. Ende des 19. Jahrhunderts, zur Glanzzeit Giovanni Bottesinis, hatte das Gebiet zwischen Mittelmeer und syrischer Wüste an geopolitischer Bedeutung gewonnen, und regionale wie globale Mächte bemühten sich um Einfluss im Heiligen Land. Im Leben von Salvador Arnita und Kareem Roustom schließlich spielte die Balfour-Deklaration von 1917 eine entscheidende Rolle, mit der die Schaffung einer „nationalen Heimstätte für das jüdische Volk“ in den schon lange von arabischen Muslimen und Christen bewohnten Gebieten in Aussicht gestellt wurde. Mit der Gegenüberstellung von Kammermusikwerken dieser Komponisten lädt das Nasmé Ensemble dazu ein, einen Blick auf die politisch spannungsreiche, jedoch künstlerisch fruchtbare Geschichte dieser seit langer Zeit umkämpften Region zu werfen.
Ein palästinensischer Symphoniker
Zum Zeitpunkt seines Todes in Amman im Jahr 1985 wurde Salvador Arnita in der gesamten arabischen Welt als „Vater“ der modernen palästinensischen Musik verehrt. Nach drei Jahrzehnten Lehrtätigkeit an der American University of Beirut hatten er und seine Frau, die Musikwissenschaftlerin Yusra Jawhariyyeh, sich fünf Jahre zuvor in Jordanien zur Ruhe gesetzt. 1915 in Jerusalem geboren, war Arnita in dem von Großbritannien verwalteten Mandatsgebiet Palästina aufgewachsen und hatte dort und in Ägypten, wo westliche Kunstmusik und daran orientierte musikalische Ausbildung seit Langem fester Bestandteil des Modernisierungsprogramms der Regierung waren, erste Erfahrungen als Organist in katholischen Kirchen gesammelt. Studienaufenthalte in Rom und London sowie gelegentliche Auftritte in Europa und den Vereinigten Staaten erweiterten seinen musikalischen Horizont und festigten sein vielseitiges kompositorisches Handwerk. Die Musik, die Arnita während und nach seiner zwölfjährigen Tätigkeit als musikalischer Leiter des Jerusalemer YMCA (1936–1948) komponierte, vereint europäische und arabische Stilelemente, Traditionen und Instrumente. Er war zwar nie politischer Aktivist, verlieh den Sehnsüchten seines Volkes jedoch in Werken wie der Kantate Identity für Chor und Orchester Ausdruck – der Vertonung eines wichtigen Textes des als palästinensischer Nationaldichter bekannten Mahmoud Darwish, in der auch mehrere Volkslieder enthalten sind, die Yusra Jawhariyyeh unter der Ägide der Palästinensischen Befreiungsorganisation gesammelt hatte. Das Andante meditativo für Streicher – der langsame Satz aus der ersten von Arnitas drei Symphonien – ist ein harmonisch reiches und charakteristisch feinsinniges Werk in einem konservativen, spätromantischem Stil. Es zeugt eindrucksvoll von der kosmopolitischen Kultur, aus der sich Arnitas Kunst speiste.
Zwei europäische Quintette
Wolfgang Amadeus Mozart wurde zu Lebzeiten als schöpferischer ebenso wie als ausübender Künstler verehrt: Nicht nur war er ein erstklassiger Pianist, sondern auch ein hervorragender Geiger und Bratschist. Im Alter von sechs Jahren beeindruckte er seinen autoritären Vater Leopold damit, sich das Violinspiel selbst beigebracht zu haben, und nur sieben Jahre später wurde er zum Konzertmeister der Hofkapelle in seiner Heimatstadt Salzburg bestellt. Als junger Mann trat Mozart oft mit eigenen Werken als Soloviolinist auf. „Ich spiellte als wenn ich der gröste geiger in Ganz Europa wäre“, schrieb er einmal an den Vater. Später konzentrierte er sich jedoch aufs Klavier und beschränkte sein Geigenspiel auf private kammermusikalische Gelegenheiten. Dazu zählte auch eine Aufführung des kurz zuvor komponierten Klarinettenquintetts auf einer Wiener Salongesellschaft im Jahr 1790, wenige Monate nach der öffentlichen Premiere des Werks im Rahmen eines Wohltätigkeitskonzerts. Wie Mozarts Trio für Klarinette, Viola und Klavier von 1786 und das 1791 entstandene Klarinettenkonzert war auch das Quintett von der Virtuosität des berühmten Klarinettisten Anton Stadler inspiriert, einem Mitglied der Wiener Hofkapelle. Die beiden Männer hatten sich kurz nach Mozarts Ankunft in der kaiserlichen Hauptstadt im Jahr 1781 kennengelernt, und ihre Freundschaft wurde dadurch noch enger, dass sie beide den Freimaurern angehörten.
Sowohl das Quintett als auch das Konzert wurden für die von Stadler erfundene Bassettklarinette komponiert, die zwei (später vier) Klappen mehr als das herkömmliche Instrument besaß, und bringen das tiefe, sogenannte Chalumeau-Register der Klarinette besonders zur Geltung. Zeitgenossen lobten Stadlers samtigen Ton und seine geschickten Registerwechsel. Bemerkenswert sind die heitere, beschwingte Stimmung des Klarinettenquintetts (das gelegentlich auch als „Stadler-Quintett“ bezeichnet wird), obwohl Mozart zur Zeit seiner Entstehung unter erheblichem Druck stand und keineswegs glücklich war, sowie die zahlreichen Klangfarbeneffekte. Der im Stil eines Solokonzerts angelegte Klarinettenpart ist prominent genug, um über und gelegentlich auch unter den vier Streichinstrumenten hervorzutreten, spielt sich jedoch selten aufdringlich in den Vordergrund. Das einleitende Allegretto schlägt einen entspannten Konversationston an, wobei das thematische Material mehr oder weniger gleichmäßig zwischen Klarinette und Streichern aufgeteilt ist. Im leuchtenden Larghetto stehen die Klarinette und die mit Dämpfer spielende erste Violine abwechselnd im Mittelpunkt, während sie in den beiden Trioteilen des anmutigen Menuetts lebhafter und energischer zu hören sind. Das heitere Finale mit Thema und Variationen gibt allen fünf Instrumenten die Gelegenheit zu glänzen.
Giovanni Bottesini verdankt seine Stellung als einer der größten Kontrabassisten der Musikgeschichte einer Laune des Schicksals: Als ambitionierter 14-jähriger Schüler aus bescheidenen Verhältnissen tauschte er die Geige seiner Kindheit gegen einen Violone ein, um ein Stipendium für das Mailänder Konservatorium zu erhalten. Neben einer erfolgreichen internationalen Karriere als Solist und Orchestermusiker erlangte er auch als Komponist und Dirigent Ansehen; insbesondere leitete er 1871 die Uraufführung von Verdis Aida in Kairo. Obwohl Bottesinis eigenen Opern deutlich weniger Erfolg beschieden war, legen seine zahlreichen Konzerte, Fantasien und anderen Kompositionen für Kontrabass die Messlatte der Virtuosität so hoch, dass sie bis heute unübertroffen ist. Zeitgenossen nannten ihn den „Paganini des Kontrabasses“. Von Bottesinis acht Streichquartetten und vier Quintetten ist das 1858 in Venedig uraufgeführte „Gran Quintetto“ c-moll bis heute mit Abstand das beliebteste. Wie sein Freund Saverio Mercadante, dem das Werk gewidmet ist, verband Bottesini die kunstvollen Melodien der italienischen Belcanto-Oper mit raffinierter Harmonik und sicherem Gespür für die Spieltechnik von Streichinstrumenten. (Er selbst war auch ein versierter Geiger, Bratschist, Cellist und Pianist.) Die Tatsache, dass bei der Uraufführung der berühmte Virtuose Antonio Bazzini den Part der ersten Violine übernahm, mag erklären, warum der Kontrabass in diesem Quintett eine ungewöhnlich zurückhaltende Rolle spielt. Ein großer Teil der Violinstimme ist ausgesprochen solistisch, angefangen von der langen, oft kadenzartigen Einleitung zum eröffnenden Allegro moderato. Das Quintett beginnt zwar in grüblerischem c-moll, doch wechselt Bottesini rasch zum heitereren Dur. Die übrigen drei Sätze bewegen sich durch eine Reihe kontrastierender Tonarten, endend mit einem lebhaften, marschartigen Fughetto in C-Dur.
Ein neuer Blick auf die palästinensische Tradition
Kareem Roustom wurde in Damaskus geboren und emigrierte im Alter von 13 Jahren mit seiner Familie in die USA, wo sie sich in der Nähe von Cape Cod niederließen. Er versteht sich selbst als „musikalisch zweisprachigen Komponisten“, der Elemente westlicher Kunst- und Volksmusik mit den Klängen und Traditionen des arabischen Nahen Ostens verknüpft. Sein eklektisches Œuvre umfasst Werke, die für Michael Barenboim, Mitglieder des West-Eastern Divan Orchestra, das Kronos Quartet und andere musikalische Grenzgänger:innen entstanden. In den vergangenen Jahren hat der 55-jährige Komponist, der durch den Bürgerkriegs lange Zeit von Syrien abgeschnitten war, sein Heimatland in Werken mit Titeln wie Aleppo Songs, A Muffled Scream und Letters Home besungen. Das Thema Heimat steht auch im Mittelpunkt von Palestinian Songs & Dances (2024), das seine Entstehung einem Kammermusik-Sommerprogramm in New Hampshire „zur Förderung der Verbindung und des Verständnisses zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft“ verdankt. Roustoms Erfahrungen als Immigrant veranlassten ihn, sich anhand von Aufnahmen arabischer Musiker:innen wie Rim Banna, Dalal Abu Amneh, Sabah Fakri und anderen mit seinen eigenen Wurzeln zu beschäftigen. In Palestinian Songs & Dances ging es ihm darum, diese volksmusikalischen Quellen „in einem veränderten Kontext neu zu interpretieren, um sie und die Kultur, der sie entstammen, in anderem Licht hörbar, erlebbar und verständlich zu machen“. Im ersten Satz „Oh, You on the Mountain“ erwecken klagende Triller Erinnerungen an die Lieder der Widerstandskämpfer während der britischen Besatzung Palästinas. In „Blessed Are Your Wedding Garments“ entfaltet sich in gleichmäßigem, zurückhaltendem Rhythmus ein ausgedehnter Dialog zwischen Klarinette und erster Violine. „Dance of the Mijwiz“ simuliert den „kraftvollen und schroffen Klang“ eines in Syrien, dem Libanon und Palästina verbreiteten Doppelrohr-Blasinstruments, teilweise mithilfe von „Dämpfern aus Alufolie“, die an den Stegen der Streichinstrumente und am Becher der Klarinette befestigt sind. Der letzte, auf palästinensischen Hochzeitsliedern basierende Satz enthält optional die Wiedergabe einer Aufnahme, die 1987 bei einer Hochzeit in der Nähe der israelischen Stadt Haifa entstand. Das fließende Zusammenspiel von traditionellen arabischen und westlichen Avantgarde-Elementen ist typisch für Roustoms Arbeit. Wie er kürzlich in einem Interview erklärte, geht es ihm „nicht vorrangig um Hybridität, die tendenziell beide Seiten als Teil des ‚Anderen ‘ erscheinen lässt, sondern um eine ganzheitliche Betrachtung dieser beiden musikalischen Traditionen.“
Übersetzung: Sylvia Zirden
Harry Haskell, ehemaliger Lektor für darstellende Künste bei Yale University Press, schreibt Werkeinführungen für die Carnegie Hall in New York, das Brighton Festival in England und andere Veranstalter. Er ist Autor mehrerer Bücher, darunter The Early Music Revival: A History, das 2014 mit dem Prix des Muses der Fondation Singer-Polignac ausgezeichnet wurde.
Das Ensemble

Nasmé Ensemble
Nasmé bedeutet auf Arabisch „eine Brise Luft“ – das so benannte junge Ensemble vereint fünf außergewöhnliche Musiker:innen, die aus verschiedenen Teilen des historischen Palästina stammen. Als Symbol für Einheit und Harmonie trotz aller Widrigkeiten gelingt ihnen auf künstlerischer Ebene eine Zusammenarbeit, die aufgrund politischer Einschränkungen oft unmöglich scheint. Gemeinsam widmen sie sich europäischer Kammermusik und Repertoire aus ihrer Heimat. Im Januar 2025 war das Ensemble für fünf Konzerte auf den Kanarischen Inseln zu Gast und knüpfte dabei auch Verbindungen zur lokalen palästinensischen Gemeinschaft. Außerdem sind die Musiker:innen regelmäßig bei Benefizkonzerten für die Menschen in Palästina zu erleben. In diesem Jahr gastiert das Nasmé Ensemble u.a. bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen, im Palau de la Música in Valencia und beim Beethovenfest Bonn.
Februar 2026